Samstag, 5. März 2011

Starke Kinder in Not



"Wir haben dich in der Zeitung gesehen! Da war ein Bild von dir mit der gelben Jacke, die du manchmal anhast. Was ist denn da passiert?" - So haben mich meine Schulkinder die Woche begrüßt.
Es war der typische Unfall aus dem Lehrbuch der Fahrschule: Bus hält an, Kinder stürmen hinter dem wartenden Bus hervor und rennen über die Straße. Die kleinere der beiden Schwestern, sonst besonnen und ruhig, rennt einfach drauf los. Keiner weiß, was in ihrem Kopf vorging, warum sie dieses eine Mal nicht stehen blieb und auf den Verkehr achtete. Der Fahrer hatte keine Chance. Auf der Gegenfahrbahn erfasst er das Kind. Die "große" Schwester muss hilflos mitansehen, wie ihre kleine Schwester durch die Luft geschleudert wird und auf dem Aphalt aufschlägt. Sekundenschnelle Bilder, vielleicht noch ein Schrei, ein Erschrecken - all das brennt sich in die kindliche Seele ein. Für die Kleine kommt der Notarzt und der Hubschrauber, für die Große, die mit ihren gerade mal zwölf Jahren überhaupt nicht groß genug ist, das Erlebte auch nur ansatzweise zu tragen, kommt der Notfallseelsorger.

Es gibt Einsätze, bei denen man im Vorfeld schon eine große Last spürt: schon die Art und Weise, wie der Disponent in der Leitstelle mich informiert, die besonders vorkommende und freundliche Weise, mit der mich die Polizei durch die Absperrung winkt, da merkt man schon: Das hier ist kein Routineeinsatz. Hier liegt eine besondere Schwere und Dramatik über der Unfallstelle. Die Begrüßungsworte durch den Einsatzleiter kommen aus ganzem Herzen und haben eine vielleicht unbewusste Tiefe: "Gott sei Dank, dass Sie da sind!" 

Innerhalb einer Sekunde wird eine ganze Familie ins Nichts gestürzt. Die einzige Frage, die noch im Raum steht: Was ist mit meiner kleinen Schwester? Und dann die tausend Fragen im Hintergrund: Warum bin ich nicht vorangegangen? Warum habe ich sie nicht aufgehalten? Bin ich schuld? Auch eine Zwölfjährige stellt sich diese Frage und macht sich Vorwürfe. Da können Eltern, Tanten und  Oma noch soviel dagegen sagen. Da ist es gut, wenn einer von außen kommt und das Kind entlastet.
Manche Schuld kann man nicht wegnehmen, wenn man Teil des Systems ist. Erst recht wohl, wenn die Schuld gar nicht exisitert. In solchen Momenten bekommt man eine ganz neue Sichtweise auf das Beichtsakrament.

Die Erwachsenen kommen schnell an Grenzen: Die geradezu erdrückende Fürsorge der Familie wird der Zwölfjährigen irgendwann zuviel und dann wird es wichtig, dass der Notfallseelsorger sich zum Anwalt des Kindes macht. Dass er für das Kind gewissermaßen das Geschehen entschleunigt und anhält. Vorsichtig ausspricht, was es selber nicht zu sagen wagt: Lasst mich doch alle mal in Ruhe. Dann nachspürt und sensibel erfragt, was dem Kind jetzt gut tun würde. Und die Antwort ist verblüffend einfach: Nicht die lieb gemeinte, hilflose und daher so erdrückende Umarmung der Großmutter, nicht die vielen Worte der Tanten, nein, am liebsten hätte die große Schwester jetzt einfach nur ihre beste Freundin bei sich, die sie ohne viele Worte in den Arm nimmt. Kind tröstet Kind, weil beide sich verstehen. Es ist ein Wunsch, den ich ihr erfüllen kann, indem ich zu dieser Freundin fahre, sie über das Geschehen informiere und ihr den einen oder anderen Hinweis gebe, wie die beiden zueinander finden.

Der Vorhang ist bis heute noch nicht gefallen, das Ende ist noch offen. Noch immer wissen wir nicht, ob die Kleine den Unfall überlebt oder ihren schweren Verletzungen erliegen wird. Das ist einer dieser Einsätze, die selbst den erfahrenen Notfallseelsorger nicht loslassen. Und auch die Familie sucht noch den Kontakt: Auch wenn sie kirchlich bisher kaum gebunden war, kommt jetzt der Anruf, bei dem man einfach nur erzählen möchte und am Ende unter Tränen bittet: "Beten Sie weiter!"

Die ganze Woche über kommen ungewöhnlich viele Einsätze. Außergewöhnlich ist auch, dass viele Einsätze nicht nach zwei bis drei Stunden abgeschlossen sind. Der Notfallseelsorger steigt aus dem Einsatz aus, aber da haben die Betroffenen schon den Diakon im Blick. Ob gelbe Jacke oder schwarzes Collarhemd: Hauptsache wir haben jemand, den wir ansprechen können. Notfalls über Tage hinweg. Und wenn das schlimmste eintritt, dann kommt auch schon mal die Frage: Wir kennen keinen von der Kirche, aber Sie waren doch da - können Sie nicht die Beerdigung übernehmen?
Bei solchen Einsätzen wird mir deutlich, dass wir längst nicht mehr in Pfarrgrenzen denken dürfen. Die Pfarrei spielt hier keine Rolle, wohl aber die Kirche als Ganzes, die in solchen Extremsituationen eine ganz neue Bedeutung erhält.

Bei aller Schwere gibt es dann auch noch eine schöne Begebenheit: Auf dem Rückweg von einem Einsatz mitten in der Nacht gerate ich in eine Polizeikontrolle: "Bitte Führerschein und Fahrzeugpapiere!" Als der Polizist meine Einsatzjacke sieht und erfährt, dass ich gerade von einem Einsatz komme, sagt er nur freundlich: "Na dann, lassen sie mal stecken und fahren Sie nachhause. Gute Nacht!"

Was bleibt von dieser Woche, die noch immer nicht beendet ist? Vor allem eines: Das Gebet für das schwerverletzte Kind, für ihre große Schwester und deren starke Freundin, für die ganze Familie und einige andere, die in dieser Woche aus der Lebensbahn geworfen wurden: St. Gellert, hilf!

Kommentare:

  1. dieser dienst wird immer wichtiger, allerdings antwortet er auch auf ein krisenphänomen:

    weil den meisten der zugang zur kirche abhanden gekommen ist, ist es eben wichtig, dass die kirche den menschen in ihren nöten weit entgegenkommt.

    dazu kommt natürlich noch die missionarische dimension: menschen, die garnicht zur kirche gehören, erfahren einen seelsorger der kirche als jemanden, der ihnen unaufdringlich und kompetent zur seite steht.

    ich bin mir - vorsichtig gesagt - allerdings nicht sicher, ob alle katholischen notfallseelsorger von dem wunsch beseelt sind, die menschen in dieser form mit christus und der kirche in kontakt zu bringen.

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  2. Das arme Kind! Ich bete auf jeden Fall mit! Gibt es denn schon Neuigkeiten?

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  3. Ist das kl. Mädchen mittlerweile wieder gesund?

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