Sonntag, 15. April 2012

Das ist das Wappen von Helgoland: Deutschlands am weitesten vom Festland entfernteste Insel. Von Ober-Ramstadt aus sind es knappe 600 km bis nach Helgoland. 40 km vor der deutschen Küste liegt dieser Fels in der Brandung. Er hat eine bewegende Geschichte hinter sich. Nach dem zweiten Weltkrieg nutzen die Engländer die Insel als Übungsziel für ihre Bomberpiloten. Mutige Studenten besetzten 1950 die Insel und lösten damit einen Prozess aus, an dessen Ende am 1. März 1952 die Rückgabe der Insel an Deutschland stand. Seitdem ist dieser Tag auf Helgoland ein Feiertag.


Ein ganz anderer Fels in der Brandung hat dieses Wappen: Es ist das Wappen von Papst Benedikt XVI. Die geographische Entfernung zu ihm beträgt knappe 1200 km. Einst haben wir Deutschen auch diesen Felsen für uns reklamiert: Wir sind Papst! So lautete der Ruf in unserem Land, als Joseph Ratzinger am 19. April 2005 zum 264. Papst gewählt wurde. Inzwischen hat die Begeisterung abgenommen und ist der Erkenntnis gewichen: Der Papst ist nicht einfach deutsch, der Papst ist vor allem katholisch. Er denkt weltumfassend, kirchlich und er steht in der Tradition seiner Vorgänger. Das bedeutet vor allem: Er folgt nicht dem Zeitgeist der Moderne, hängt sein Fähnchen nicht in den Wind, sondern ist der Diener der Einheit der Kirche. Er ist Pontifex Maximus, der Brückenbauer zwischen deutscher radikalreformerischer Nabelschau und den Katholiken auf der ganzen Welt. Er ist aber auch der Brückenbauer zur Vergangenheit der Kirche, Hüter unseres Glaubensschatzes. Es ist die Aufgabe des Papstes, Fels in der Brandung zu sein: In allen Stürmen Stand zu halten, denen von außen, aber auch denen aus dem Inneren der Kirche.

Und das macht er meiner Meinung nach sehr gut. Am 16. April wird Benedikt XVI. 85 Jahre alt. An dieser Stelle schon mal alles Gute und Gottes Segen zum Geburtstag! Ich wünsche ihm weiterhin viel Kraft, Weisheit und Standhaftigkeit für seinen Dienst

Freitag, 6. April 2012

Ich war das nicht!!!!

Nein, das war ich nicht. Ich nicht. Das lasse ich mir nicht einreden: Für meine Sünden gestorben. Nie im Leben.

Gut, ich gebe es ja zu: Niemand hat schließlich eine weiße Weste. Ein paar dunkle Flecken gibt es wohl immer. Irgendwo hat doch jeder eine Leiche im Keller. Nicht wörtlich – hoffe ich zumindest – aber doch bildlich: Es gibt sie, die dunklen Seiten in uns. Ich nehme mich da nicht aus.

Aber im Ernst: Auch wenn ich kein Engel bin, so bin ich doch auch kein Teufel. So schlimm, dass jemand für mich den Kopf hinhalten müsste, nein, so schlimm bin ich nicht. Schon gar nicht so schlimm, dass Jesus dafür auf solche grausame Weise sterben müsste.

Was habe ich denn getan? Nun gut, hier und da mal eine kleine Unwahrheit, nicht direkt gelogen, sondern die Wahrheit ein wenig zu meinen Gunsten verdreht oder einfach auch nur das Unangenehme verschwiegen. Und sicherlich passiert es manchmal auch, dass blinder Eifer in lauten Zorn umschlägt. Ja, meine Ungeduld, die gehört auch zu meinen Schwächen. Sünde würde ich das nun nicht gerade nennen. Ich kann es halt schlecht ertragen, wenn sich die Dinge unendlich lange hinziehen. Dann nehme ich die Sache lieber selber in die Hand.

Jeder von uns will doch leben. Und das geht nicht, ohne dass es hin und wieder zu Verletzungen kommt. Man darf sich schließlich ja nichts gefallen lassen. Man darf nicht immer nur einstecken, sondern muss auch austeilen können. So ist das nun mal in unserer Welt. Da braucht man hin und wieder auch Ellbogenmentalität und eine harte Linie. Steht das nicht auch in der Bibel: Gelobt sei der Herr, der meine Hände den Kampf gelehrt hat, meine Finger den Krieg (Ps 144, 1)?
Na bitte, da haben wir es doch. Wer sich mit mir anlegt, der bekommt das auch zu spüren. Ich teile aus, nehme kein Blatt vor den Mund. Gut, wenn ich mich dann mal so richtig in Rage geredet habe, dann mache ich auch schon mal andere fertig. Viel öfter passiert mir das auf verstecktem Wege: Ich rede über andere schlecht, damit ich besser dastehe. Hier und da eine kleine spitze Bemerkung, ein kleiner verbaler Giftpfeil, gut platziert – das trifft.

Und dennoch: Ich bin gewiss kein großer Sünder vor dem Herrn. Da gibt es doch ganz andere Kaliber: Hier, die Großen, die da oben, die die Macht haben und sie doch nur missbrauchen, um uns kleinen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wir, die Ehrlichen, sind am Ende doch immer die Dummen. Kein Wunder, dass wir uns hier und da mal ein wenig vom großen Kuchen gönnen wollen. Ich nenne das nicht Steuerbetrug, sondern ausgleichende Gerechtigkeit. Ich nehme mir nur, was mir zusteht.

Und überhaupt: Reden nicht gerade die von Moral und Tugend, die doch am meisten zu beichten hätten? Die Kirche? Na, kommen Sie! Kreuzzüge, Hexenverbrennung und von den schlimmen Taten der jüngsten Zeit wollen wir mal erst gar nicht reden! Und die erzählen mir, dass Jesus da für mich am Kreuz hängt!

Nie und nimmer! Ich war das nicht. Ich habe zwar meine kleinen Fehler, aber diesen Mord lasse ich mir nicht anhängen.

Und auch das muss mal gesagt werden: Wenn Gott mit meinen Fehlern Schwierigkeiten hat, dann soll er sich  gefälligst bei mir melden. Dann mache ich das mit ihm beim Joggen im Wald aus, von Mann zu Mann. Da brauche ich keine Kirche. Und auch keinen Jesus, der für mich gekreuzigt wird. Was ist das überhaupt für ein grausamer Gott, der seinen Sohn für meine Sünden ans Kreuz schlagen lässt?
Wo gibt es denn so etwas? Der  schlachtet sein Kind ab, weil ich böse war? Der Sohn ist doch unschuldig! Wenn schon Strafe für meine kleinen und größeren Sünden notwendig ist, dann kläre das doch bitte mit mir!

Schließlich gilt: Selbst ist der Mann – und auch die Frau. Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner. Steht ja auch im Evangelium, zumindest so ähnlich: Anderen hat er geholfen, sich selber kann er nicht helfen. (Mt 27,42), haben die Leute unter dem Kreuz gesagt.

Andererseits: Warum macht er das? Ich meine: Dieser Jesus, warum tut er das? Er hat Blinde geheilt, dem Teufel widerstanden, Lahmen auf die Sprünge geholfen, Wunder gewirkt, selbst Tote erweckt und Geister ausgetrieben. Bei seiner Geburt standen Armeen von Engel am Himmel und lobten Gott – und nun hängt er da so völlig machtlos an diesem Balken und stirbt grausam vor sich hin. Warum wehrt er sich nicht?

Ich an seiner Stelle hätte das nicht getan: Wenn du Gottes Sohn bist, dann steige herab vom Kreuz. Genau das hätte ich getan: Ich hätte ihnen gezeigt, wo der Hammer hängt. Schon viel früher natürlich, hätte es erst gar nicht so weit kommen lassen. Ich hätte die himmlischen Heere gerufen und zum göttlichen Kampf geblasen! Ich hätte mich nicht aufs Kreuz legen, mich nicht festnageln lassen.

Gut, die Botschaft der bedingungslosen Liebe Gottes wäre damit am Ende doch nicht durchgekommen. So gesehen hätte mein dramatischer Endkampf die Botschaft meines Lebens zerstört.

Aber dafür hätte alle Welt meine Macht am eigenen Leib gespürt. Alle hätten sich voller Furcht vor mir und meinen Engeln niedergeworfen in den Staub der Erde, und sie hätten mich angebetet. Zwar nicht aus Liebe, aber immerhin angebetet. Sie hätten erkannt, dass ich Gottes Sohn bin, und darum ging es doch, oder?

Mal ehrlich: So hätten Sie doch wohl auch reagiert? Sicher: Manchmal hält man im Leben auch noch die rechte Wange hin, wenn einer einen schon auf die linke schlägt. Aber das Kreuz? Nein, da hört doch der Spaß auf! Da hätten Sie sich doch auch gewehrt! Das lässt doch niemand mit sich machen!

Und doch stimmt es mich nachdenklich: Am Ende sagt der römische Hauptmann angesichts dieses Todes ausgerechnet über den Gehenkten in der Mitte, über Jesus: Dieser Mensch war Gottes Sohn.(Mk 15,39)
Was hat ihn davon überzeugt? Dass er nicht herabgestiegen ist vom Kreuz? Dass er nicht sich selber geholfen hat?

Vielleicht ist das die Ursünde des Menschen, die größte überhaupt: Diese ewige Selbstverliebtheit: Ich will, ich bin, ich kann, ich muss, ich habe, ich werde...ich, ich und immer wieder ich. Nicht auf andere vertrauen, nicht auf andere hören, nicht auf den Menschen an meiner Seite, schon gar nicht auf Gott: Immer nur ich, ganz selten nur wir, ihr oder du.

Dieses ewige Spiel der Menschheit, in den Tiefen des Alltags immer vorhanden und fest verankert in unseren Herzen: Dieser Wunsch nach Anerkennung, nach immerwährender Selbstbestimmung und Selbstbehauptung, frei zu sein von allen Schranken. Anstrengend ist das, ermüdend. Sich immer wieder selbst zu helfen, damit man gut dasteht. Sich nur auf sich selber zu verlassen, weil man sich sonst verlassen glaubt.
Es ist die Ursünde schlechthin: Da gibt es nur mich, keinen Gott und keinen anderen. Der Mensch kreist um sich selber, versucht, sich das innere und äußere Paradies zu schaffen, rackert sich dafür ab und kämpft dafür mit allen Mitteln.

Bei Jesus ist das anders: Dein Wille geschehe. Jesus opfert seine Macht als Gottessohn und begibt sich in die Ohnmacht des Kreuzes. Doch das Kreuz ist zugleich die tiefste Hingabe an Gott. Ich lasse mich festnageln, ich gehe durch Leiden und Tod – im Vertrauen auf Gott. Der Herr ist meine Kraft und mein Schild, mein Herz vertraut ihm (Ps 28,7).

Seit Anbeginn fällt uns Menschen dieses Vertrauen schwer. Unsere Geschichte und unsere Welt würden anders aussehen, wenn wir dieses Gottvertrauen auch im Angesicht des Kreuzes hätten. Dieser fehlende Mut, dieser fehlende Glaube, ist die Sünde, die alles andere nach sich zieht. Denn sie bringt den Stolz hervor, die Eitelkeit, die Überheblichkeit und den naiven Glauben, in allen Lagen mein eigener Herr sein zu müssen.

Jesus hat dieses Gottvertrauen vorgelebt, bis in den Tod hinein. Er hat sich nicht selber geholfen, und ist nicht vom Kreuz herabgestiegen. Damit auch wir an den  Kreuzen unseres Lebens aushalten, damit auch wir nicht unsere Macht ausspielen, damit auch wir dem Leiden nicht immer nur ausweichen, nicht nur auf unsere Kraft und unser Können, sondern auf Gottes Macht und Liebe vertrauen. Dafür ist er gestorben, grausam, brutal, unter Schmerzen und verzweifelt, für Sie - und auch für mich.


Montag, 5. März 2012

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold


Silbern ist die Medaille, die mir verliehen wurde: Anerkennung und Dank für 10 Jahre aktiver Dienst in der Notfallseelsorge. Zusammen mit einem netten, erfahren Kollegen, wurde mir diese Ehre nun zuteil. Der Leiter der Notfallseelsorge hat mir dazu ein Buch mit einer Widmung geschenkt. 

Die Worte sind mit bedacht gewählt und spiegeln den Weg wieder, den wir gemeinsam gegangen sind: In alle den Jahren mussten wir uns erst einmal finden. Es gab Fragen zum Konzept, zum Dienst, zu den Einsätzen. Wir waren und sind noch immer ein bunter Haufen von Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft. Notfallseelsorge ist Seelsorge im Grenzbereich zwischen Leben und Tod. Grenzbereiche fordern den ganzen Menschen und da bleibt nichts im Verborgenen. Wir mussten uns in all den Jahren auch immer wieder ganz neu aneinander gewöhnen: Konfessionelle Vorurteile, menschliche Unzulänglichkeiten, Vorlieben, Stärken und Schwächen. Das führte zwar nie zu ernsten Konflikten, aber in den zehn Jahren gab es doch auch immer wieder Gesprächsbedarf und ein sensibles Suchen nach dem gemeinsamen Weg. Ich durfte dabei viel lernen. Zum Beispiel, dass Reden Silber und Schweigen Gold ist.
Nicht Schweigen aus Angst oder Unterwürfigkeit, wohl aber Schweigen, um erst einmal besser hören zu können. Das gilt zumindest im Umgang mit den Kollegen - auch wenn mir das nicht immer gelingt.

Und auch in den Einsätzen ist Schweigen oftmals der goldene Weg: Oft genug habe ich beim Eintreffen am Einsatzort diese hohe Erwartung gespürt: Mitten im betroffenen Schweigen, in der Sprachlosigkeit und dem Ringen um Worte erwartet man vom eintreffenden Notfallseelsorger nun den erlösenden Satz, das Sprachwunder, das alles löst und irgendwie hilft. Die Versuchung ist groß: Es ist leichter, auch im Angesicht von Tod und Leid, den anderen mit Worten zuzuschütten, die gut klingen, aber nicht im Herzen ankommen. Es ist viel schwieriger, das Unsagbare mitauszuhalten, das schreckliche Schweigen mitzutragen. Das erscheint so nutz- und wirkungslos. Aber dieses Schweigen sagt mehr als tausend Worte: Da ist jemand einfach nur da. Mitten in Leid und Not bin ich nicht allein. 

In den zehn Jahren habe ich inzwischen mehr als 100 Einsätze erlebt. Bis heute versage ich mir jede Routine. Gewiss: Man sammelt Erfahrung. Nicht jeder Einsatz fordert einen neu heraus, aber nicht jeder verlangt nach ganz neuen Strukturen. Aber wenn mich eines Tages ein Einsatz überhaupt nicht mehr berühren würde, dann wäre es an der Zeit, aufzuhören.

Dass wir inzwischen über alle Konfessionsgrenzen hinweg zueinander gefunden haben (und uns noch immer finden), uns gegenseitig mit unseren Stärken und auch mit unseren Eigenheiten wertschätzen, durfte ich vom mitgeehrten Kollegen erfahren. Er machte mir das schönste Kompliment: Mit dir würde ich jeden Einsatz noch einmal fahren.

Danke - ich mit dir auch!

Sonntag, 25. Dezember 2011

Paradiesäpfel

Predigt: Hl. Abend 2011

Sie gehören zur Gattung der Kernobst- und zur Familie der Rosengewächse. Diese Gattung umfasst ca. 52 verschiedene Laubbaumarten. In Deutschland gibt es zwei große Anbaugebiete: Zum einen das Alte Land bei Hamburg, zum anderen die Region rund um den Bodensee. Die Früchte schmecken je nach Züchtung mal säuerlich herb, mal süß, mal sauer, es gibt sie in ganz unterschiedlichen Farben und auch mit vielen Namen: Golden Delicious, Jonagold, Gloster, Boskop, Elstar und viele andere mehr. Es gibt sogar eine japanische Sorte, die  - wenig überraschend – Fuji heißt. All Namen bezeichnen einen Kulturapfel, Malus domestica – die mit Abstand am meisten gegessene Frucht in Deutschland. Meine Lieblingssorte ist die Pink Lady: rosa, knackig, süß-säuerlich. Dieser Apfel weist zudem eine Besonderheit auf: er blüht als erster unter allen Äpfeln, wird aber als allerletzte Sorte geerntet.

In der Bibel kommt der Apfel nicht vor. Wie bitte? Wird nicht gleich am Anfang erzählt, wie Eva ihrem Adam einen Apfel reicht? Tizian, Raffael, Michelangelo, Lukas Cranach, Tintoretto – berühmte Maler haben so den Sündenfall in ihren Bildern dargestellt.

Zur Erinnerung: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, er erschafft die ganze Welt und alles, was lebt. Und diese Welt schenkt er dem Geschöpf, das als einziges sein Ebenbild ist: dem Menschen. Adam und Eva: Mann und Frau, von Ewigkeit her für einander berufen, die Schöpfung zu wahren und durch ihre Fruchtbarkeit weiter zu führen. Gott schaut auf sein Schöpfungswerk und sah: Alles war gut. Gott und Mensch vereint im Paradies.

Doch es ist der Mensch, der die Grenzen überschreitet: In der Mitte des Paradieses steht dieser Baum, dessen Frucht nicht für den Menschen bestimmt ist. Wir kennen das zu gut: Man kann uns die Welt zu Füßen legen. Doch nicht das viele, was wir haben, sondern das eine, das uns verwehrt ist, wird uns zum Stachel im Fleisch.


Grenzerfahrungen fordern uns heraus: Alles darfst du haben, die ganze Schöpfung soll dir dienen, ja, du Mensch bist mein Ebenbild. Kein Geschöpf ist schöner, wertvoller, höher geachtet als du, geliebtes Menschenkind. Nur diese eine Grenze muss es zwischen Gott und Mensch geben: Die Früchte vom Baum des Lebens sind dir verboten. Du darfst im Schatten des Baumes liegen, du darfst dich an der Schönheit dieser Früchte erfreuen, aber du darfst sie nicht pflücken und essen. Denn diese Frucht hebt den notwendigen Unterschied zwischen Gott und Mensch, zwischen Schöpfer und Geschöpf auf. Der Mensch wird zu Gott.

Die Bibel lässt die Schlange als großer Verführerin auftreten und entlastet den Menschen dadurch ein wenig, indem er nicht nur zum Täter, sondern auch zum Opfer wird. Die Schlange überredet Eva, die schließlich die verbotene Frucht pflückt und an Adam weiterreicht. Vielleicht war es doch eine Pink Lady: knackig, süß-säuerlich, verführerisch in Aussehen und Geschmack. Jedenfalls geht die Geschichte böse aus: Der Mensch vergreift sich am Baum des Lebens, er zerstört die paradiesische Einheit mit Gott und seinen Geschöpfen.
Es geht dabei nicht um Äpfel. Nie und nimmer! Es geht vielmehr um die Frucht der bösen Tat: Der Mensch sieht nicht mehr seinen eigenen Wert, der ihm von seinem Schöpfer her als Ebenbild Gottes geschenkt ist, ja, er will sich überhaupt nicht mehr als Geschöpf sehen, sondern selber Gott und Schöpfer, Herr seiner selbst, Herr über andere, Herr über Leben und Tod sein.

Die Weltgeschichte ist voll solcher Gestalten, die sich nach dem Himmel ausstreckten, solcher Halbgötter in allen Farben und Formen. Die Erfahrung zeigt: Wo Menschen sich zu Göttern erheben wollen, öffnen sich nicht die Tore des Himmels, sondern vielmehr die Pforten der Hölle. Das ist mithin ein Grund, warum die Kirche in ihrem Heiligenkalender am 24.12. auch Adam und Eva gedenkt. Nicht der Apfel ist das Problem, sondern der Mensch.

Und gleichzeitig ist es wie bei der Pink Lady: Was am frühesten blüht, wird am Ende geerntet und zur süßen Frucht. Der Sündenfall steht am Anfang der gemeinsamen Lebensgeschichte von Gott und Mensch. Eine bewegte Geschichte voller Wirrungen, Suchen, Fragen, Liebesbeweisen, Verfehlungen und Sünden. Und heute wächst daraus eine ganz besondere Frucht: Der Baum des Lebens spiegelt sich im Holz der Krippe wieder. Die Sehnsucht nach dem Paradies findet heute ihre Erfüllung: Der Mensch muss sich nicht zum Himmel ausstrecken, muss nicht größer werden, als er schon immer ist. Der Mensch muss nicht Gott werden: Gott wird Mensch!
Heute gehen Gott und Mensch eine ganz neue, eine lebendige Gemeinschaft ein. Es ist eine Gemeinschaft der Liebe: das neugeborene, das uns heute seine Hände entgegenstreckt ist klein und schutzlos und wie kein anderes Lebewesen auf unsere Hilfe und mehr noch auf unsere Liebe angewiesen.

Seit dieser Heiligen Nacht in Bethlehem müssen wir jedes Neugeborene mit noch größerer Ehrfurcht empfangen: Ist die Geburt eines neuen Menschen schon für sich genommen ein Wunder, so erinnert sie auch immer wieder auch daran, dass jeder von uns selber ein Wunder ist: ein einmaliges, einzigartiges, unendlich geliebtes Geschöpf Gottes.Wir brauchen nicht nach dem Baum des Lebens zu greifen, der Apfel lockt nicht mehr.

Jeder von Ihnen ist Gottes Ebenbild. Nichts kann Ihnen  diese Würde nehmen, keine Note, keine Prüfung, keine Beurteilung durch wen auch immer. Nicht, was Sie haben, sondern wer Sie sind, ist in Gottes Augen entscheidend.
Schluss mit dem ewigen Strecken und Streben nach oben. Pilgern Sie nicht auf den ausgetretenen Leistungspfaden dieser Welt, sondern pilgern Sie zur Krippe. Machen Sie sich vor diesem Kind klein, um groß zu werden. Oder besser noch: um zu erkennen, wie groß Sie schon immer sind. Wie heilsam ist seine Botschaft: Ich bin für dich geboren. Du bist mir so wertvoll, dass ich zu dir kommen will. Ich will deinen Stall, deine Hütte, dein Haus, dein Herz zur Krippe machen. Die Engel des Himmels sollen darin wohnen, ihr Gloria klingt heute nur für dich allein. Der Himmel schart sich um dich, wo auch immer du bist. Deine Sehnsucht nach Größe und Anerkennung ist gestillt, weil ich, dein Gott, in dieser Nacht zur dir komme, dich heile und von allen Ängsten erlöse. Ich bin bei dir, heute alle Tage, bis an Ende der Welt.

Aus der verbotenen Frucht wird heute durch die Geburt Jesu der Paradiesapfel. Als vor ca. 400 Jahren die ersten Weihnachtsbäume aufgestellt wurden, schmückte man sie genau aus diesem Grund mit Äpfeln. Später begann man diese Äpfel mit Silber und Gold zu verzieren. Der Apfel verschwand, die Schmuckkugel blieb. Kaum einer weiß  heute noch, dass unsere heutigen Christbaumkugeln einmal Äpfel waren.


Schauen Sie genau hin. Und wenn sich Ihr Gesicht in einer solchen Kugel spiegelt, dann denken Sie an diese wunderbare Geschichte von Adam und Eva, von der Sehnsucht nach Größe und Göttlichkeit.
Schauen Sie genau hin. Und wenn sich Ihr Gesicht in einer solchen Kugel spiegelt, dann denken Sie daran: So wie ich bin, bin ich ein Ebenbild Gottes – für mich ist er heute Mensch geworden.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein frohes, gesegnetes, heilendes Weihnachtsfest!

Samstag, 17. Dezember 2011

Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn


Predigt zum Malteser-Gottesdienst
Advent 2011

Liebe Gemeinde, liebe Malteser,
seit knapp einem Jahr gibt es nun die Verknüpfung zwischen den Maltesern und unserer Gemeinde. Als ich an Silvester mit vielen Fragen in das neue Jahr blickte, da wurde mir schnell klar, dass 2011 ein Malteser-Jahr wird. Ein Jahr, in dem ich mich mehr und mehr mit Geschichte und lebendiger Gegenwart der Malteser auseinandersetzen musste. Nie hätte ich gedacht, dass daraus ein solches Abenteuer wird: Helfen ist spannend. Helfen erfordert auch aber, dass man sich auf den einlässt, dem man helfen soll und will. Ich habe im vergangenen Jahr die Malteser auf vielseitige Weise kennen lernen dürfen und durfte dabei immer wieder feststellen:
Wir Malteser leben eine einzigartige Mischung aus medizinischer Hilfe und spiritueller Zuwendung. Der Mensch steht im Mittelpunkt all unseres Handelns: Nie ist er einfach nur ein Unfallopfer, ein medizinischer Notfall. Immer ist er Patient, Mensch mit einer einzigartigen Identität, der von einem auf den anderen Augenblick plötzlich und unerwartet aus der Lebensbahn geworfen wird. Unser Ansatz ist immer ganzheitlich: Wir sehen den Menschen in seiner Not und auch die Not derer, die zu ihm gehören, mit ihm leiden oder gar um sein Leben bangen.

Dieser einzigartige Blick war schon immer der Grundpfeiler der Malteser: Für den Seligen Gerhard, den Gründer und Schutzpatron der Malteser war die Begegnung mit dem Kranken nichts anderes als die Begegnung mit Jesus Christus. Hospital und Kirche waren eins. Die Malteser im Jerusalemer Hospiz legten vor knapp 960 Jahren vor der Heiligen Messe goldbestickte Altartücher auf ihre Patienten. Auf diese Weise machten sie sich immer wieder gegenwärtig, dass der Patient, der kranke und leidende Mensch der Altar war: Hier begegnet uns Christus.
Jeder Mensch, besonders der notleidende Mensch ist unser Herr. Nicht umsonst ist der obsequium pauperum, der Dienst an den Kranken und Armen bis heute fest im Wahlspruch der Malteser verankert.

Im letzten Jahr haben wir in vielen Bereichen viel geleistet: Wir haben Menschen ausgebildet und oftmals waren sie darüber verblüfft, dass ihnen mit den Maltesern auch die Kirche in ganz neuem Licht erschien.
Wir haben Sanitätsdienste geleistet, wir haben geholfen, wir haben gerettet. Und wir haben uns fortgebildet, um noch besser helfen zu können. Vieles wurde geleistet, auf das wir dankbar zurückblicken können, gerade wenn wir bedenken, dass wir eine kleine Schar sind. Aber all unsere Leistung ist immer auch Dienst: Rettungs- und Hilfsdienst.

Ich selber durfte auf einer Fortbildung erleben, wie junge Erwachsene auf ihren Einsatz im Rettungsdienst vorbereitet wurden. Bei aller technischen Vorbereitung, bei allen Fähigkeiten, die wir uns antrainieren und dem vielen Fachwissen, das wir uns aneignen, so konnte ich doch auch feststellen: Ebenso wichtig ist die Sicht auf die menschliche Ebene. Der Blick auf sich selber und die Selbstvergewisserung, für wen und warum man in diesem Dienst unterwegs ist.

Liebe Schwestern und Brüder, der große jüdische Gelehrte Martin Buber überlieferte das folgende Erzählung:
In Rabbi Naftalis Stadt, pflegten die Reichen, deren Häuser einsam oder am Ende des Ortes lagen, Leute einzustellen, die nachts über ihren Besitz wachen sollten. Als Rabbi Naftali eines Abends spät am Rande des Waldes spazieren ging, der die Stadt säumte, begegnete er solch einem Wächter. „Für wen gehst Du?“, fragte der Rabbi ihn. Der Wächter antwortete, fügte aber die Gegenfrage daran: „Und für wen geht Ihr, Rabbi?“ Man sagt: Die Frage traf den Rabbi wie ein Pfeil.

Für wen gehst Du? Die Frage ist vielleicht beiläufig gestellt, die Antwort auf diese Frage ist jedoch geradezu von existentieller Bedeutung: Wenn wir tief in unserem Herzen wissen, in wessen Namen wir unterwegs sind, dann wissen wir, in wem wir uns festmachen, wer uns Kraft gibt und unserem Leben Sinn verleiht. Gerade auch dann, wenn unser Leben dunkel und schwer ist.

Für wen gehst du? In wessen Namen sind wir unterwegs, in wessen Auftrag helfen wir? Jeder Gottesdienst beginnt bereits in der Sakristei. Noch bevor die Glocke geläutet wird und der Einzug beginnt, vergewissern wir uns im Gebet: Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn, der Himmel und Erde erschaffen hat.

Ist es denkbar, als Malteser so in den Einsatz zu fahren? Malteser ist man nie allein, auch das ist ein Motto, das uns in unserer Ausbildung immer wieder begegnet. Aber das bedeutet mehr als ein Team aus Fachleuten zu sein. Natürlich brauchen wir die helfende, die rettende, die stützende Hand an unserer Seite, den Kollegen/die Kollegin, mit dem/der wir blind zusammenarbeiten können. Aber auch im geistigen Sinne ist man Malteser nie allein, denn auch unser Dienst geschieht im Namen des Herrn.  Er selbst begleitet uns mit seinem Segen, stärkt uns in unseren vielfältigen Diensten den Rücken und gibt Kraft in unserer Schwäche.

Ich durfte erleben, wie gut es jungen Menschen tut, wenn man ihnen für ihren Dienst genau diese Zusage mit auf den Weg gibt: Du bist nicht allein. Du kannst ein Segen sein, weil du gesegnet bist: Gott ist an deiner Seite, auch und erst recht, wenn unsere Hilfe und unser Dienst nach menschlichen Maßstab erfolglos scheint.

Diesen Segen wünsche ich euch: Bei allem Menschlichen und manchmal auch allzu Menschlichen nicht das Himmlische zu vergessen und euch in eurem Beruf immer neu berufen zu lassen, in eurem Dienst immer neu in den Dienst nehmen lassen, durch den, in dessen Dienst wir alle stehen: Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn, der Himmel und Erde erschaffen hat.

So begleite euch in eurem Dienst sein Segen, damit ihr ein Segen seid und immer wieder zum Segen werdet!

Montag, 5. Dezember 2011

Adventsschock

Predigt zum 2. Advent B, 4.12.2011
Ein Neugeborenes bringt es auf 140, beim Säugling sind es noch 120, beim Schulkind immer noch 90 Herzschläge pro Minuten. Beim durchschnittlichen Erwachsenen liegt der Puls bei 60-80 Schlägen pro Minute. Und das den ganzen Tag, rund um die Uhr.

Der Herzschlag ist eine komplizierte Angelegenheit. Die verschiedenen Teile des Herzens, die Kammern und die Klappen müssen genau aufeinander abgestimmt sein. Ganz gefährlich ist das sog. Kammerflimmern: Das ist ungefähr so, als würde der Organist ein Lied anstimmen und dann würde jeder singen, was ihm gerade einfällt. Einen oder zwei Sänger, für die Takt und Rhythmus Fremdwörter sind, kann die Gemeinde verkraften. Wenn aber alle durcheinander singen, geht es schief.

Nicht anders ist das beim Herz: Wenn der gemeinsame Takt fehlt, dann beginnt das Herz zu flimmern: Alles schlägt wild durcheinander, so dass kein Blut mehr durch das Herz fließen kann. Statistisch gesehen ist dieses Kammerflimmern eine der häufigsten Ursachen für den plötzlichen Herztod. Da hilft Ihnen auch die beste Herzdruckmassage nur wenig: Gegen dieses wilde Durcheinander kommt man kaum an.

Deshalb findet man inzwischen an vielen Stellen in der Öffentlichkeit solche Geräte. Dieser sog. „Automatisierte Externe Defibrillator“ kann Leben retten. Das Gerät ist einfach zu bedienen: Es sagt Ihnen, was Sie tun müssen. Sie müssen es nur öffnen, einschalten und am Körper des Patienten anschließen. Das Gerät erkennt den Herzrhythmus und im Falle eines Kammerflimmerns empfiehlt es Ihnen, einen starken elektrischen Schock auszulösen. Sie müssen dann nur auf die entsprechende Taste drücken und schon jagen je nach Gerät ca. 220 V durch den Körper des Patienten.
Nun werden Sie sich vielleicht wundern und fragen: Wie bitte? So etwas soll Leben retten? Ist es nicht eher so, dass ein Griff in die Steckdose lebensgefährlich sein kann?
Und tatsächlich: Mit diesem Stromstoß wird das Herz erst einmal abgeschaltet. Aber das ist notwendig. Bleiben wir beim Organisten: Wenn wir alle durcheinander singen, wird er vielleicht irgendwann mal kräftig auf die Tasten hauen und laut Ruhe brüllen. Wir zucken dann alle zusammen, hören auf zu singen und sind still. Dann erst kann der Organist versuchen, uns neu einzustimmen und mit uns das Lied im richtigen Takt und Rhythmus zu singen.

So ähnlich wirkt der Defibrillator: Er schaltet das Chaos, das Kammerflimmern am Herzen, ab und sorgt für Ruhe. Danach können wir mit Herzdruckmassage versuchen, den natürlichen Rhythmus wieder in Gang zu bringen.
Übrigens: Sie brauchen keine Angst zu haben, dass Sie den Patienten versehentlich grillen: das Gerät gibt den Stromstoß nur frei, wenn es vorher auch ein Kammerflimmern festgestellt hat.

Wenn es mir gelungen ist, Ihnen die Angst vor diesem Gerät zu nehmen und Sie zu ermutigen den AED im Ernstfall einzusetzen, dann war die Predigt bis hierhin nicht sinnlos. Manche Predigten können gewissermaßen Leben retten.

Damit Sie ihr eigenes Leben auch retten können, gibt es den Advent. Ja, Sie haben richtig gehört: Der Advent ist die Zeit zum Leben retten. Nein, werden Sie sagen: Der Advent ist bestenfalls die Zeit zum Plätzchenbacken und Glühweintrinken. In den meisten Fällen ist der Advent eher die Zeit, in der man von Besinnung zu Besinnung hetzt und sich ständig fragt, was man wem schenkt, wem man noch etwas besorgen muss, was man am Heiligen Abend essen soll und ob man der Großtante mütterlicherseits tatsächlich noch eine Weihnachtskarte schicken muss. Advent ist keineswegs die Zeit der Ruhe und der Stille, eher der betriebsamen Hektik.

Dabei sollte der Advent doch die Zeit sein, in der wir unser Herz für die Ankunft Jesu bereiten. Wer das übrigens nur mit Glühwein und Weihnachtsplätzchen versucht, wird an Weihnachten vielleicht keinen Führerschein in der Tasche, dafür aber ein paar Kilo mehr auf den Rippen haben. Die Vorbereitung auf das Kommen des Herrn, auf die Ankunft Jesu, hat wenig mit Plätzchenduft, heimeliger Stimmung am Adventskranz und Lebkuchenhaus zu tun.

Advent hat vielmehr damit zu tun, unser Herz für die Ankunft Jesu zu bereiten. Im heutigen Evangelium haben wir nichts von Plätzchenbacken und Geschenkeeinkauf gehört. Johannes der Täufer fordert uns vielmehr zur inneren Vorbereitung auf: Bereitet dem Herrn den Weg, ebnet ihm die Straßen. Mit diesem flammenden Appell knüpft Johannes an die uralten Worte des Propheten Jesaja an, die wir in der ersten Lesung gehört haben. Jesaja geht sogar noch ein Stück weiter, indem er die ganze Welt in diese Vorbereitung mit einbezieht und auch das Ziel dieser Vorbereitung deutlich hervorhebt: Alles zielt darauf hin, die Herrlichkeit des Herrn den Menschen zu verkünden: Seht, da ist euer Gott!

Also nicht: Seht, da sind die Geschenke, da steht der Glühwein, da sind die Plätzchen und mittendrin der Tannenbaum.
Es gibt im Gotteslob nur ein einziges Lied, das dieses Evangelium aufgreift: In der Nr. 113 heißt es im Text:
Mit Ernst o Menschenkinder, das Herz in euch bestellt,
bald wird das Heil der Sünder, der wunderstarke Held,
den Gott aus Gnad allein der Welt zum Licht und Leben
versprochen hat zu geben
bei allen kehren ein.

Es mag uns verwundern, dass hier der Advent als eine ernste Zeit dargestellt wird. Der Text stammt von Valentin Thilo, der dieses Lied 1642 gedichtet hat. Der Mann hatte es nicht leicht: Zwar war er zu dieser Zeit ein angesehener Professor, aber zuvor hatte er viel Bitteres erlebt. Seine Eltern starben an der Pest, der Dreißigjährige Krieg hinterließ Spuren der Verwüstungen und Not.
Der Text drückt die Ernsthaftigkeit des Lebens aus: Die Sünde, unser Versagen, unsere  schlechte Tat, unsere Schwäche ist Bestandteil des Lebens und die Welt braucht nichts dringender als das Heil der Sünder, den wunderstarken Held, der uns aus dem Dunkeln ins Licht des Lebens führt. Zum anderen strahlt in dem Lied aber auch die Gewissheit auf: Gott sendet den versprochenen Erlöser und daher ist es an der Zeit, sich ernsthaft auf ihn vorzubereiten. Nicht nur ein wenig, sondern ganz und gar radikal brauchen wir einen Neuanfang, eine Ausrichtung auf Christus hin.

Wir brauchen im Grunde genommen so etwas wie einen spirituellen Defibrillator: Den Mut, alles, was uns an der ernsthaften Vorbereitung auf Weihnachten hindert, bildlich gesehen platt zu machen. Wie oft hören wir im Advent, dass sich die Menschen über die vielen Termine, den Stress und die Hektik beklagen? Keine Zeit der Ruhe und der Besinnung? Alle zerren von allen Seiten.

Was in der Medizin gilt, das gilt gewissermaßen auch für die Theologie: Der Theologe empfiehlt gegen das geistliche Kammerflimmern den spirituellen Defibrillator: z.B. die Bibel. In diesem Buch steckt die Glaubenskraft und von über 1000 Jahren. Da finden Sie Menschen, die in allen Lebenslagen mit Gott gerungen und am Glauben gewachsen sind. Es gibt in der Bibel nichts, was es nicht gibt. Das ganze Leben kommt darin vor und wird im Angesicht Gottes gedeutet.
Prüft alles und behaltet das Gute (1 Thess 5,21), hat Paulus einst seiner Gemeinde empfohlen. Entscheiden Sie sich zu einem mutigen Schritt: Prüfen Sie alles und streichen Sie dann, was sie nicht brauchen. Statt der Großtante achten Grades noch ein nichtssagendes Geschenk zu besorgen, beten Sie für sie. Wer weiß: Vielleicht ist das genau das, was sie am dringendsten braucht und sich am meisten wünscht?
Haben Sie den Mut, alles erst einmal abzustellen, damit sich dann Ihr Herz ganz neu auf den Advent ausrichten kann und einen neuen, lebendigen Adventsrhythmus findet. Ich bin mir bewusst, dass wir als Gemeinde sozusagen von Risiken und Nebenwirkungen betroffen sein können. Aber für uns kann weniger ja auch mehr bedeuten: Weniger Stress und Hektik, dafür aber ein wirklich besinnliches, ein tieferes, fröhlicheres und zugleich ernsthafteres Weihnachtsfest, bei dem man spürt: Wir sind vorbereitet, wir erwarten tatsächlich die Ankunft des Herrn. In diesem Sinne möge die erste Zeile des Liedes  in uns nachklingen:

Mit Ernst o Menschenkinder, 
das Herz in euch bestellt


Freitag, 2. Dezember 2011

Gut geschult

Meine Adventszeit begann in diesem Jahr schon früher: Vorbereitung wurde ganz groß geschrieben, als ich mit vierzehn jungen Erwachsenen zusammen den Grundlehrgang zum Rettungssanitäter besuchen durfte. Es ging dabei natürlich weniger um die Vorbereitung auf Weihnachten, mehr aber um den Ernstfall. 

Ein Ausbilder stellte uns während des Kurses mit leicht sarkastischem Unterton eine rhetorische Frage: "Warum wollt ihr Rettungssanitäter werden? Klar, um Leben zu retten - habe ich auch mal gedacht!"

Es ist verständlich, dass man nach vielen Jahren im Rettungsdienst die Dinge klarer und auch realistischer sieht. Auch als Notfallseelsorger weiß man: Tote sehen nur im Fernsehen nett aus. Echte Notfälle zeigen sich meistens von ihrer unschönsten Seite. Idealismus und Realität prallen oft hart aufeinander.

Zumindest bei unseren Reanimationspuppen waren wir äußerst erfolgreich. Es ist zwar keine aufgestanden und hat uns dankbar die Hand geschüttelt, aber nach anfänglichen Fehlern kam nie die Rückmeldung: Patient verstorben. Dennoch weiß man, dass man genau das auch erleben wird. Nicht jeder Einsatz ist erfolgreich.

Und gerade deshalb habe ich soviel Respekt vor diesen jungen Menschen. Einige haben gerade Abitur gemacht, sind noch nicht einmal von zuhause ausgezogen. Zunächst konnte man meinen, dass ich da überhaupt nicht hingehöre: Doppelt so alt, verheiratet, Diakon. Das entspricht nicht dem Standard.
Aber wir haben uns gesucht und in sehr vielen Bereichen gefunden: Es ergaben sich sehr oft interessante, tiefgehende, lustige Situationen, in denen ich nie nur nur lernender Kursteilnehmer, sondern immer auch Diakon, Begleiter, manchmal auch so etwas wie der Kurspapi war. Es gab sehr viele persönliche Gespräche über Gott und die Welt, über Kirche, Glauben, Tod und Sterben, über Ehe und Partnerschaft, über Lebensform und Sexualität, über Erwachsenwerden, Retten, Helfen und Scheitern. Und zwischendrin immer wieder die (noch) unbeschwerte Leichtigkeit junger Erwachsener, Humor, Spontanität und Kreativität. Eine sehr lebendige und wohltuende Mischung.

Von vielen Seiten wurde mir bestätigt, dass dieser Kurs anders war. Da gab es den Diakon, der kurz vor der Prüfung segnete, der sich um einzelne kümmerte, hier motivierte, dort tröstete. Da gab im ganzen Kurs immer wieder den Blick auf die menschliche Seite: Nicht nur die der Patienten, sondern auch der jungen Leute, die diese Ausbildung machen. Ihnen gebührt sehr viel Respekt und Unterstützung, denn sie werden sich Situationen aussetzen, denen andere aus dem Weg gehen. Ihr Alltag wird nicht immer nur von Freude und Erfolg gekrönt sein. 

Am Ende haben wir alle bestanden. Ich bin dankbar, dass ich so manchen auf diesem Weg begleiten durfte und auch selber begleitet wurde. Neben all den Techniken, all dem medizinischen Wissen, das wir uns angeeignet haben, haben wir vor allem auch voneinander gelernt. 

Am Schluss habe ich mir aufgrund meines Alters das Privileg herausgenommen, das Wort zu ergreifen und allen zu danken: den Ausbildern für die Geduld und Mühe, den jungen Erwachsenen für die schöne Zeit. Viel  wichtiger als die Note auf dem Zeugnis ist am Ende der Zuspruch: Ich würde mich jederzeit von jedem von euch retten lassen. 

So kann ich diesen jungen Menschen nur wünschen, dass sie auf ihrem weiteren Weg immer mehr werden, was sie jetzt schon sind: ein Segen. 

Und damit der Segen auch im reichen Maße bleibt, zündet der Diakon eine Kerze an, wendet demütig den Blick zum Himmel und betet: Hl. Gerhard hilf!