Samstag, 22. Januar 2011

Dramatischer Appell

Sehen wir es zunächst mal positiv: Sie haben nicht mit dem Missbrauch argumentiert. Sie haben Zölibatäre auch nicht als sexuell Unterdrückte und somit als Zeitbomben dargestellt. Dass immer wieder Stimmen gegen den Zölibat erhoben werden, daran gewöhnt man sich ja mit der Zeit. Aber dieses Mal ist es wirklich was Neues: Nicht die üblichen Verdächtigen und entsprechende Gruppierungen, sondern "namhafte katholische CDU-Politiker"  haben einen "dramatischen Appell" an die deutsche Bischofskonferenz gerichtet, sich "dringend" beim Papst für die Weihe verheirateter Männer einzusetzen. Neben Annette Schavan, Dieter Althaus, Bernhard Vogel und Erwin Teufel gehört auch Bundestagspräsident Norbert Lammert zu den Unterzeichnern des flammenden Appels. Lammert setzt dann noch nach und verteidigt bereits den Aufruf an die Bischöfe: Der Zölibat sei gar nicht mehr begründbar, viele Bischöfe würden genau so denken und wenn die "Amtskirche" zögere, sich öffentlich mit dem Priestermangel und dem Sinn des Zölibats auseinanderzusetzen, dann müssten das eben engagierte Laien tun. 

Man darf es den Unterzeichnern glauben, dass es ihnen weder um Polemik, noch um (Kirchen)politik oder um bloße Öffentlichkeit geht, sondern sie sich tatsächlich Sorgen um die Zukunft der Kirche machen. Vielmehr stehen am Ausgangspunkt ihrer Forderung Beobachtungen über die derzeitige Krise insbesondere der deutschen Kirche. Es fehlt an allen Ecken und Kanten an fähigen Priestern. Das Wort vom "Priestermangel" geistert seit Jahren durch unser Land. Und man muss den CDU-Politikern recht geben, dass die Antwort der Kirche auf die Krise bisher lediglich strukturell war: Man hat Seelsorgeeinheiten geschaffen, die mit unterschiedlichen Namen eigentlich überall nur das gleiche ausdrücken: Statt einer, zwei oder drei Pfarreien, hat ein Priester eben noch eine vierte, fünfte und sechste dazubekommen. Die Not ist groß, gar keine Frage. Man werfe einen Blick in die eigene kirchliche Lebenswelt vor Ort, und man findet das alles bestätigt: Pfarrer (und auch Diakone), die nicht mehr Seelsorger vor Ort, sondern mobile Sakramentenspender sind. Pfarrer, die nur noch dem Titel nach Pfarrer sind, aber schon längst durch ein Pastoralteam oder Räte in ihrer Hirtenfunktion eingeschränkt, teilweise sogar ersetzt werden.

Aber: Die unterschwellige Botschaft des Appells muss hinterfragt werden. Ist denn tatsächlich der Zölibat die Ursache für den Priestermangel? Diese Verknüpfung von Ursache und Wirkung wird bei uns so landläufig als Naturgesetz angesehen, dass kaum einer es wagt, dieses scheinbar kirchenpolitische Axiom in Frage zu stellen.

Sicher ist: Wir hätten den einen oder anderen zusätzlichen Kandidaten im Priesterseminar, wenn der Zölibat nicht mehr vorgeschrieben wäre. Wir hätten mehr, aber hätten wir auch bessere Priester?
Dass mit der Abschaffung des Zölibats nicht alle Probleme gelöst werden, kann man an denen sehen, die keinen Zölibat haben und da muss man nüchtern feststellen: die Mitgliedszahlen und die Attraktivität anderer Konfessionen ist nicht besser als die der katholischen.
Mich erschreckt wie selbstverständlich diese Verknüpfung Zölibat-Priestermangel in den Raum gestellt wird und damit jede Diskussion um andere Gründe für den Priestermangel im Keim erstickt werden. Schaut man mal genau hin, dann muss es uns doch verwundern, dass z.B. Klöster wie Heiligenkreuz im Wienerwald enormen Zulauf haben - unsere Seminare aber weitgehend leer bleiben. Und die Mönche leben auch zölibatär. Es wäre auch mal interessant, genauer hinzuschauen, welche Priesterseminare in welchen Bistümern leer bleiben und ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der grundsätzlichen Ausrichtung des Bischofs und seiner Pastoral und der Zahl derer, die sich unter diesen Bedingungen für den Weg ins Seminar entscheiden. Manche moderne, aus der Not geborene, mit viel Euphemismen übertünchte Pastoralpläne erzeugen in der Praxis ein Pfarrerbild, das mehr mit einem Manager in einem Großbetrieb als mit einem Hirten für anvertraute Schäfchen zu tun hat. Manche pastoralen Räume atmen kaum noch Spiritualität: Da ist der Pfarrer der Organisator, der Macher, der Motivator und Animateur, aber eben kaum noch der gesuchte Seelsorger und Beter vor dem Herrn.

Der Zölibat setzt Kräfte frei, die ich als Ständiger Diakon gerne und mit gutem Gewissen gewollt meiner Familie zukommen lassen darf. Der Zölibat ist ein Zeichen für die Ganzhingabe an Gott, der tiefen Beziehung zu Christus und seiner Kirche. Er ist ein lebendiges Zeichen, das über die Kirche und unser Leben hinaus auf  unser himmlisches Ziel verweist. Ein Zeichen, das in der Kirche oft genug kaum geschätzt und nur noch wenig verstanden wird.

Es ist zu billig, den Priestermangel auf den Zölibat zu verkürzen. Man muss sich auch kritisch fragen: ist die Kirche in der Form, wie sich derzeit darstellt und gibt, so attraktiv und lebendig, so stark und geschlossen, dass sie einem jungen Menschen die Familie und Heimat bieten, so dass er dafür auch gerne zölibatär leben möchte? Solange wir selber den Zölibat schlecht reden und unterschwellig der Kirche als Ganzes und jedem Zölibatären ein verkrampftes Verhältnis zur Sexualität unterstellen, solange wir nicht bereit sind, uns geistlich zu erneuern und unsere katholische Spiritualität zu vertiefen, solange wird der Priestermangel  andauern. Der Priestermangel ist in erster Linie keine Frage des Zölibats, sondern eine Frage des Glaubens, der Spiritualität und der Lebendigkeit der Kirche.

Kommentare:

  1. Vielen Dank, dass ist ein wunderbarer Artikel. Und die Aussage ist meiner Ansicht nach allgemein gesehen vollkommen korrekt.
    Ich möchte nur mein persönliches Empfinden einmal darunter stellen. Ich würde so gerne Priester werden: Ich möchte einfach an diesem Werk mithelfen, den Glauben zu verkünden. Ich möchte das zu meinem Lebensinhalt machen und leide darunter diesen "Priestermangel" mitansehen zu müssen. Gleichzeitig habe ich eine feste Beziehung, von deren Richtigkeit ich fest überzeugt bin.
    Früher hätte wäre das mein privates Problem gewesen, dass ich in Demut hätte annehmen müssen.
    Aber unter diesen Umständen auch noch?

    AntwortenLöschen
  2. danke, dass ein verheirateter verständnis und respekt für die zölibatäre lebensweise signalisiert.
    in unseren gemeinden gibt es das bei den unter 80-jährigen so gut wie nicht mehr, höchstens noch mitleid, meistens jedoch herablassung und kritik.
    wer wundert sich da, dass junge männer wenig "lust" verspüren, diese lebensweise zu ergreifen?
    zum thema zölibat und priestermangel ist im grunde alles gesagt, nur noch nicht von jedem.
    zum sogenannten priestermangel halte ich den vortrag von hw. prof. may für das beste, das ich seit langem gehört habe:
    http://gloria.tv/?media=37882

    AntwortenLöschen
  3. Dem ist nichts hinzuzufügen!!! DANKE

    AntwortenLöschen
  4. Frage:
    Würden Sie die Priesterweihe ablehnen, wenn es demnächst möglich sein sollte?

    AntwortenLöschen
  5. Das ist natürlich eine ganz interessante Frage, denn wenn es die viri probati als Priester geben soll, dann wären die Ständigen Diakone wohl die ersten Ansprechpartner - wenn man mal von kirchen- und konkordatsrechtlichen Problemen absieht.

    Wenn es das eines Tages geben sollte, dann ginge das nicht ohne theologische Klärung der Frage, wie man dieses Priesteramt beschreibt. Das ist schon beim Diakonat recht schwierig und selbst fast 50 Jahre nach dem Konzil sind hier noch zahlreiche Fragen offen. Aber der verheiratete Priester könnte meiner Meinung nicht dasselbe wie der zölibatäre Priester sein. Er hätte einen anderen Auftrag, so wie Pfarrer und Pfarrvikar ja auch nicht dasselbe sind. Diesen Auftrag herauszuarbeiten und das natürlich auch im Hinblick auf Ehe und Familie, das wäre die Mindestvoraussetzung zur Einführung einer solchen Regelung.

    Aber noch einmal: Wir würden dadurch etwas ganz wichtiges verlieren: Das Vertrauen in das Sakrament der Weihe, das aus dieser tiefen Verbindung zwischen Christus und dem Geweihten lebt. So, wie die Ehe ja auch den Bund zwischen Christus und seiner Kirche abbildet.
    Wir würden die letzten Wegweiser in der Kirche verlieren, die uns mahnen, uns nicht ganz und gar hier auf Erden ein Zuhause schaffen zu wollen. Wir würden auch die letzten Männer verlieren, die sich zumindest vom Prinzip her ganz und gar an die Kirche binden. Das ist das eigentliche Problem: Dass wir nicht mehr sehen, für welchen Weg der Zölibat steht, sondern nur noch, wo er angeblich im Weg steht.

    Ich werde in der Schule demnächst von Maximilian Kolbe erzählen - gerade seine Entscheidung, sich im KZ für einen Familienvater zu opfern macht doch beides deutlich: die Freiheit des Zölibats, verbunden mit der hohen Wertschätzung der Ehe und Familie.

    AntwortenLöschen
  6. 1. @Schavan et. al.: Ein jeder kehr vor seiner Tür, da ist genügend Dreck dafür. Die christdemokratische Energie wäre in mehr Engagement für das christliche im hohen C wesentlich besser investiert.
    2. Bei den Unterzeichnern handelt es sich um die üblichen Verdächtigen, ein Mitglied der katholischen CDU, etwa ein Mitglied der AEK ist nicht unter den Unterzeichnern. Die Autoren gehören vielmehr zum liberalkatholischen Flügel, der stets alles dran setzt, auch noch die liberalsten Evangelischen links zu überholen.
    3. Es gibt keinen Priestermangel, vielmehr gibt es einen Katholikenmangel. Das Verhältnis praktizierender Katholiken zu aktiven Priester ist heute günstiger als in den Jahren, als die deutschen Priesterseminare noch volles Haus melden konnten. Die zahl der Neupriester ist dramatisch gesunken. Noch dramatischer gesunken ist indessen die Zahl der sonntäglichen Kirchenbesucher und der katholischen Taufen.
    4. Wer Statistiken lesen kann, wird ohne weiteres erkennen können, daß der "evangelische Weg" in die Irre führt. Heute leben in der Bundesrepublik mehr Katholiken als in den 50er Jahren, aber weniger Protestanten. Jeder Soziologe weiß, daß das katholische Millieu im Kern und auf längere Sicht sich als wesentlich stabiler erwiesen hat, als das protestantische.
    5. Die im Verhältnis Priester/Gläubige weit höhere Zahl katholischer Priester und Seminaristen bei den sogenannten traditionalistischen katholischen Gemeinschaften (Pius-Petrusbruderschaft) zeigt, daß das Gebet für Berufungen Früchte bringt. Wo jeder Gottesdienst mit einem Gebet für Berufungen endet, da sind die Gemeinden auch mit Berufungen gesegnet.

    AntwortenLöschen
  7. Danke für diesen Artikel - manchmal kommt man sich als zölibatär Lebende dermaßen allein auf weiter Flur vor... da wundert es mich fast nicht, wenn es heute weniger junge Leute gibt, die sich die Frage überhaupt existentiell stellen...

    AntwortenLöschen