Mittwoch, 7. September 2011

Weihrauch & Kuhstall

Das fiel mir auf: Im Darmstädter Echo wurde am 30.08. über einen evangelischen Gottesdienst im Landkreis Dieburg (Hippelsbach) berichtet. Das Besondere: Der Gottesdienst fand im Kuhstall statt. Und er hatte auch ein eigenes Thema: "Tierschutz". Sogar ein Junge wurde getauft. Des weiteren wurde berichtet, dass die Kühe sich von dem Gottesdienst nicht stören ließen.

Ungefähr zur selben Zeit hatte ich mit meinem Referendar ein Gespräch über Liturgie und Mystagogie: Wie kann man Menschen zur Liturgie führen, ihnen die Schönheit der Riten und Symbole nahe bringen, ihnen helfen, Liturgie mit Leib und Seele zu feiern?

Passenderweise ging es in dem Gespräch konkret um Weihrauch, seine Bedeutung in der Liturgie, die Symbolik  und deren Hintergrund. Für uns Katholiken ist Weihrauch - oder sollte er es zumindest sein - ein Zeichen unserer besonderen Würde. Früher wurde er nur in Tempeln und im Palast des Herrschers eingesetzt, aus ganz profanen Gründen: In Zeiten, in denen  mangels Kanalisation und Dusche der Alltag wortwörtlich zum Himmel stank, wollte man wenigstens den Göttern und dem Kaiser den Wohlgeruch des Weihrauchs gönnen. Weihrauch war ein Zeichen der Wertschätzung und auch das im wahrsten Sinne des Wortes, war er doch aufgrund einer aufwändigen Produktion und der langen Transportwege sehr teuer. Für den Normalsterblichen gab es keinen Weihrauch.

In der Bibel hat Weihrauch noch andere Bedeutungen: Zum einen ist er natürlich auch hier ein Zeichen der Göttlichkeit. Deshalb bringen die Hl. Drei Könige Weihrauch an die Krippe und erfüllen so den einfachen Stall mit göttlichem Duft. Der Weihrauch macht deutlich, dass durch die Gegenwart des Gottessohnes der einfache Stall zum wahren Tempel geworden ist.
Und dann gibt es da noch die bekannte Stelle aus Psalm 141: Wie ein Rauchopfer steige mein Gebet vor dir auf. Hier wird der Weihrauch zur Verbindung zwischen Himmel und Erde: Er zieht uns aus der Schwere des Alltags geradezu spielerisch in die Höhe zum Himmel hinauf. Das ist Liturgie: Der Aufstieg des Menschen aus dem Irdischen ins Himmlische.

Ein Gottesdienst im Kuhstall? Mit dem Thema "Tierschutz"? Das ist für mich befremdlich: Das Thema jedes Gottesdienstes ist immer Gott selber. Gottesdienst ist keine Infoveranstaltung oder politische Demonstration. Es geht zunächst um Gott, um seinen Dienst an uns und unsere Antwort an ihn.
Und der Kuhstall? Natürlich: Dahinter steht wahrscheinlich der gut gemeinte Gedanke, dass Gott doch überall in der Welt zugegen ist und besonders dort, wo es uns gewissermaßen stinkt. Und vielleicht wird so mancher ja gerade auf die Krippe und den Stall verweisen, wo es an Weihnachten sicherlich auch nicht nach gut bürgerlicher Festtagsküche duftete.

Aber dabei verkennt man, dass eben gerade durch die Gegenwart Christi dieser Stall aus dem Alltäglichen herausgehoben wurde, was dann ja auch - wie oben erwähnt - durch den Weihrauch deutlich wurde.
All das ist in unserer Liturgie symbolisch ausgedrückt: Wenn der Diakon die Gemeinde beweihräuchert, dann eben genau deshalb, um zum einen die hohe Würde und den unendlichen Wert jedes Getauften deutlich zu machen. Aber auch, um unser Beten nach oben zu ziehen, damit sich unsere irdisch-menschliche Liturgie mit der himmlischen Liturgie der Engel verbindet, wir geradezu in den Himmel gehoben werden.

Ein Gottesdienst im Kuhstall ist gut gemeint, aber schlecht durchdacht. Er zieht uns eben nicht aus dem Alltag empor, sondern lässt uns wortwörtlich mitten im Mist sitzen. Und ob der Junge tatsächlich glücklich ist, wenn er eines Tages erfährt, dass er im Kuhstall getauft wurde? Ist das wirklich die Umgebung, die diesem einmaligen Fest angemessen ist? Wie anders klingt das doch, wenn man mit einem gewissen Stolz und innerer Anteilnahme sagen kann: Getauft in der Kirche St. Michael.

Für Katholiken gehört die Taufe in die Kirche. Aus gutem Grund, denn der Getaufte wird in die Reihe der Gläubigen gestellt, die durch die Zeiten hindurch die Kirche lebendig hielten. Das beginnt mit den Aposteln (symbolisiert durch die Apostelleuchter), geht über den Märtyrer, dessen Reliquien in den Altar eingefügt wurden, bis über die Figuren der Heiligen hinein in die Gegenwart der konkret vor Ort versammelten Gemeinde: Man wird in die Kirche hinein getauft, nicht im Kuhstall einsortiert.

Dahinter steht auch der Glaube, dass unsere Kirche eben auch ein Sakralbau ist: In diesem Sakralbau feiert immer auch die ganze Kirche, die sich dort in jeder Hl. Messe unsichtbar um den Altar versammelt. Das kann kein Kuhstall. Oder eher gesagt: Er passt nicht zu diesem feierlichen Anlass. Kein Mensch käme auf die Idee, die UNO-Vollversammlung in einen Kuhstall zu verlegen, warum also die Vollversammlung der Getauften, der Engel, der himmlischen Scharen und aller Heiligen mit Gott? Und deshalb feiern wir auch für gewöhnlich unsere Gottesdienste dort, wo sie hingehören: in der Kirche, erfüllt vom Duft des Himmels, der uns heiligt und zum Himmel emporzieht.

Natürlich gibt es Ausnahmen und ist der Gottesdienst auf der grünen Wiese auch möglich. Aber dann im entsprechenden Rahmen, wie man es z.B. bei den Weltjugendtagen sehen kann.

Die Gefahr besteht jedoch eher darin, dass man allzu leichtfertig das Gotteshaus heute gegen den Kuhstall, morgen gegen die Bar und übermorgen gegen die Bahnhofshalle austauscht. Sakrale Handlungen brauchen einen sakralen Rahmen - und auch einen sakralen Duft.









Samstag, 20. August 2011

Requiescat in pace: virtuelle Zombies

Allen Ernstes: Der Mann ist tot. Definitiv. Suizid. Genau geplant und durchorganisiert. Der Abschiedsbrief ging an einen Freund. Er enthielt keine Dankeschön, keine Erklärung, eher noch letzte Anweisungen für einen letzten Freundschaftsdienst. Doch ging es dabei nicht darum, die Hinterbliebenen zu trösten oder die Hinterlassenschaft zu verwalten. Es ging vielmehr um ein weiteres Sterben.

So makaber es klingen mag: Der moderne Mensch stirbt mehrmals. Und dann ist er noch lange nicht tot. Die Generation Facebook & Co hinterlässt virtuelle Spuren. Ein jeder frage sich selber, auf wie vielen Seiten er registriert ist, wo überall sein Name, sein Bild, seine Lebensdaten gespeichert sind. Es gibt den Herztod, den Hirntod und mittlerweile auch den Netztot. Erst wenn das letzte Passwort gelöscht, die Homepage geschlossen und das letzte Mailkonto aufgelöst ist, erst dann ist man heutzutage wirklich tot.

Das genau sollte der Freund also tun: Den reellen Suizid auf der virtuellen Seite vervollständigen. Doch macht man sich hier nicht selber mitschuldig am Auslöschen einer Person? Das gilt nicht nur Suizidfälle. Auch der ganz normal Versterbende hat heutzutage eine oder mehrere virtuelle Identitäten. Wie muss sich das anfühlen, wenn man als Hinterbliebener alle elektronischen Spuren löschen muss? Wer von uns macht sich darum Gedanken? Wir hinterlassen ein Testament und wissen im Ernstfall, wo die Lebensversicherung liegt. Aber wer hinterlässt schon eine Liste all seiner Passwörter und aller Seiten, auf denen er registriert ist und Blogeinträge, Kommentare, Bilder und Filme hochgeladen hat?

Und wer macht sich Gedanken darum, wie sich das für denjenigen anfühlen muss, der sich einsam am PC stundenlang mit der virtuellen Beerdigung abmühen muss. Es ist was anderes, ob man das Grab eines geliebten Verstorbenen pflegt, oder eben seine Homepage. Oder eben gerade diese Daten löschen muss oder will - oder auf Wunsch des Verstorbenen soll. Es ist eine Beerdigung per Knopfdruck: Eine Taste und alles gelöscht. Ohne Gebet, ohne Psalm, ohne Seelsorge für den Hinterbliebenen am Bildschirm.

Der Freund hat es nicht geschafft. Durch Zufall habe ich ihn wieder getroffen: Er wollte diese Seiten nicht alle löschen. Er konnte es nicht, denn es kam ihm vor, als würde er nachträglich beim Suizid des Freundes Hand anlegen. Und so begegnet er seinem toten Freund immer wieder auf irgendwelchen Seiten. Natürlich ist das schmerzhaft für ihn und für andere genau so. Für viele verwirrend und für manche sicherlich auch irreführend. Wie kann man da Ruhe finden?

Das Internet wird zum Friedhof. Zugleich gaukelt es uns vor, als wäre der, den wir das sehen, gar nicht tot. Dort leben die weiter, die auf Erden schon längst gegangen sind.

Man fragt sich, welche Auswirkungen das auf unsere Gesellschaft in Zukunft haben wird. Wie viele virtuelle Zombies wird es wohl schon geben? Wer wird all diese elektronischen Leichen beerdigen? Wer weiß: Vielleicht ist das eine Marktlücke, ein Dienst, den die Bestattungsfirmen noch anbieten müssen: "Virtuelle Bestattung - wir löschen sie aus!" Vielleicht sollte sich die Kirche darüber Gedanken machen: Beerdigung online.

Nachdenklich schaue ich dem Mann hinterher. Und auf die Fürsprache des Hl. Gellert vermag ich nur noch zu beten:  Herr, lass ihn ruhen in Frieden!





Freitag, 17. Juni 2011

Abschied

Das war ein Einsatz wie aus alten Tagen: Der Mann war schwer krank und hatte schon viel mitgemacht. Nun lag er im Sterben und wollte nicht mehr ins Krankenhaus. Der Notarzt hatte Verständnis für ihn und so durfte in dieser Nacht der Mann friedlich zuhause einschlafen.

Der Notfallseelsorger denkt sich: Dass es so etwas noch geben darf. Das Leben beenden im Kreise derer, die man liebt. Abschied nehmen und nach einem langen Leiden auch gehen dürfen.
Dennoch: Der Abschied wird dadurch nicht leichter. Für die Ehefrau ist der Schmerz unendlich groß. Sie haben das Leben gemeinsam gelebt und zumindest dem äußeren Anschein nach erfolgreich: Haus, Hund, Garten und viele Urlaubsfotos.

Aber der Notfallseelsorger spürt auch die Risse: Da ist die Verwandte, die allzu hilfreich in der Wohnung herumwirbelt und ständig von sich erzählt - so aufdringlich, dass es dem Notarzt  irgendwann zuviel wird. Manche Menschen müssen sich ständig in den Mittelpunkt stellen, selbst im Angesicht des Todes. Jedes Wort, jede Situation, jede Erinnerung wird zum Anknüpfungspunkt an die eigene Biografie. Als müsse man sich selbst bestätigen, dass man noch lebt.

Und Notarzt und Notfallseelsorger spüren auch: Hier fehlt das gemeinsame Fundament. Man ist Zweckgemeinschaft, zusammengeworfen ohne Zusammenhalt., verwandt aber nicht verbunden. Der Verstorbene verbindet nicht, sondern sein Tod macht die Risse erst so richtig deutlich. Man kreiste ein Leben lang um sich, hat sich mehr oder weniger gegenseitig bestätigt. Da gibt es nichts, was von außen kommt und Ziel, Hoffnung, Kraft und Verheißung schenkt.

Daher überrascht der Satz mich nicht: Wir sind schon lange aus der Kirche ausgetreten, aber wir sind gläubig - irgendwie, irgendwann, mehr oder weniger. Wir sind nicht regelmäßig in die Kirche gegangen, aber im Urlaub haben wir uns immer Kirchen angeschaut. Kirche als Museum. Das höre ich so oft.

Langsam und vorsichtig suche ich die Trittstufen, die den Trauerprozess heilsam und sanft anstoßen. Der Weg ist nicht gerade und er ist rutschig: So viele verborgene Konflikte, so wenig Fundament und so wenig Halt. Wir lassen uns viel Zeit und erst als die Erzählungen über den Verstorbenen so langsam von der Gegenwart in die Vergangenheit wechseln, darf der Bestatter kommen.

Der Ehemann wird weggebracht: Über zwanzig Jahre gemeinsamen Lebens voller Hoch- und Tiefpunkte. Was bleibt? Liebevolle Erinnerungen - mit Sicherheit. Und auch Schmerz und Trauer, aber Hoffnung? Vielleicht auch die Ahnung, dass das Leben mehr als das Kreisen um die eigene Welt ist, dass es da einen gibt, der vor und über allem Leben steht, das Leben hält und trägt. Dann wäre dieses Ende eines Lebens der Anfang für ein neues Leben mit Gott.


Montag, 13. Juni 2011

Alles dasselbe?

Das nervt mich schon lange: Bei den Konfessionen kann ich die Probleme mit den Feinheiten noch verstehen. Dass mehr oder weniger Außenstehenden bzw. Nichtchristen der Unterschied zwischen katholisch und evangelisch nicht direkt präsent ist, ist nachvollziehbar. Selbt innerkirchlich geht ja auch leider das Gespür für die Unterschiede verloren oder sind vielen diese Unterschiede einfach egal.

Völlig unverständlich ist mir aber, dass Leute, die ihre Bildung mit einem gewissen Stolz vor sich hertragen, kurzerhand den Unterschied zwischen den Weltreligionen einebnen wollen. Ganz gemäß dem modernen Motto: Alles gleich. Und so hört man immer wieder den Satz: Wir glauben doch eh alle an denselben Gott!

Klar: Das ist der einfache Weg. Alles gleich gültig. Tolerant, weltoffen, nicht engstirnig und dogmatisch. Religion light, angepasst an die Moderne.

Vor einiger Zeit sagte mir das ein Chirurg, der Moslem ist. Weil er gerade an meinem Rücken herumschnitt, ersparte ich mir eine Antwort. Er hatte das Skalpell in der Hand und damit - zumindest vorläufig - das bessere Argument.

Um aber deutlich zu machen, dass wir Christen zwar mit Juden und Moslems an den EINEN Gott glauben, dennoch ein anderes Gottesbild haben, habe ich ein Video zusammen gebastelt.

Dass wir uns nicht verführen lassen, auf dem einfachen Weg zu gehen, sondern bereit sind, die Schönheit und Tiefe unseres Glaubens immer neu zu erfassen und mutig zu verkünden, dafür schicke ich ein Stoßgebet zum himmel: St. Gellert und Sel. Gerhard, helft!

Dienstag, 7. Juni 2011

Flurschaden

Mein Freund, der Baum, ist tot - die Sängerin Alexandra trällerte diese Worte 1968. Mir ist das Lied noch aus Kindertagen bekannt. Etwas oberhalb unseres Hauses lag eine große Wiese, auf der es eine Art Höhle gab, die durch Bäume und Büsche gebildet wurde. Das war für alle Kinder aus der Nachbarschaft der geheime Treffpunkt. Auf den Bäumen konnte man prima herumklettern (aber auch herunterfallen). Trotz Höhle und Klettern, trotz Äpfel - ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, einen Baum als meinen Freund zu bezeichnen.

Im Studium wurde mir der Baum nahe gebracht. Komisch nur: Ich studierte nicht Forstwirtschaft oder Biologie, sondern Praktische Theologie. Und bei den Bäumen wurde es sehr praktisch - Meditationen in allen Variationen: Baumscheibe betrachten, Jahresringe zählen, Rinde ertasten und riechen, Zweige knicken und die Bruchstelle meditieren - ach, was kann man damit alles machen! Und das Ganze irgendwie mit dem eigenen Leben verbinden: Eine Delle im Jahresring deutet auf eine alte Verwundung des Baumes hin - tragen wir nicht alle alte Verwundungen in uns? Können wir nicht unser ganzes Leben als Jahresringe darstellen? Wo sind wir verwurzelt? Wer knickt unsere zarten Zweiglein und erzeugt Bruchstellen? Was verleiht meinem Leben frische grüne Farbe, ist für mich die Luft, die mich am Leben hält? Wie sieht es mit meiner Rinde, mit meiner Außenhaut aus? Und so habe ich für meine Legematerialien fleißig Baumscheiben angefertigt und Tannenzapfen gesammelt, damit auch ich für die nächste Baumbetrachtung im Kindergottesdienst, Religionsunterricht und wo auch immer gerüstet bin. Nur ein Borkenkäfer fehlt mir noch.

Toll, was man alles aus einem Baum lesen kann! Symboldidaktisch sehr ergiebig und deshalb wird er auch ausgiebig in der Katechese und im Religionsunterricht verwendet. Schließlich ist der Baum ökumenisch, ja sogar religionsverbindend, muss doch schließlich jeder irgendwann mal Wurzeln schlagen.

Allerdings bleibt ein komisches Gefühl zurück: Was hat das Ganze mit Jesus zu tun? Es gibt eine uralte Verbindung zwischen Baum und Kreuz: Die Kirchenväter sehen im Baum des Kreuzes den neuen Baum des Paradieses, den neuen Baum des ewigen Lebens. Das weiß ich aber nicht vom Studium her: Da haben wir Bäume umarmt, Baumscheiben ertastet, Rinde gefühlt und Blätter zerrieben und gerochen, aber die Theologie ging irgendwie verloren. Wir haben das Symbol ertastet und erlebt, aber die Kirchenväter haben das Symbol gedeutet - und zwar theologisch.

Ortswechsel: Waldfriedhof. Bestattung unter einem Baum. Die Kirche hat damit so ihre Probleme: Bestattungskultur hat ihren Wert, Trauer braucht einen geschützten Ort. Der Tod ist nicht einfach die Rückkehr in die Natur. Wir glauben an die Auferstehung und nicht die Kompostierung. Dumm nur: Wir haben Probleme, unsere Position zu vermitteln. Und mir dämmert: Das ist  auch ein wenig hausgemacht. Sind die Waldfriedhöfler am Ende vielleicht diejenigen, denen wir in der Grundschule dein Freund, der Baum, nahe gebracht haben? Hausgemachter Flurschaden sozusagen. So mancher von den Waldfriedhöflern argumentiert mit auffallend ähnlichen Sätzen, wie ich sie in den Meditationen während meines Studiums hörte.

Symboldidaktik ist gut und schön, aber wie beim Beton kommt es auch darauf an, was man daraus macht. Vor allem: Aus WAS man was macht. Symbol ist nicht eben Symbol. In unserer Liturgie gibt es besonders in Kinder- und Familiengottesdiensten ein Inflation der Symbole. Man wundert sich, was da alles in die Kirche geschleppt wird wird. Mit ein wenig Fantasie kann man aus allem irgendwas weitläufig Christliches herausziehen. Jesus, der Schraubenzieher: Wenn bei dir eine Schraube locker ist, dann hilft er dir. Jesus, der Filzpantoffel - damit wir im Dunkeln keine kalten Füße bekommen....meine Frau ist überzeugt, ich könnte aus allem irgendwas machen.

Man sieht: Die Herausforderung ist eher rhetorischer als theologischer Natur. Nur bleibt es eben auch weitläufig, seltsam unkronkret, menschlich und manchmal auch irgendwie mit sanfter Gewalt zurechtgebogen.

Willi Hoffsümmer, der Papst der Symbolkatechese, hat in seinen Büchern zahlreiche Gottesdienste und Ansprachen mit Symbolen veröffentlicht. Manche davon sind theologisch schlichtweg falsch: Dass er z.B. die Dreifaltigkeit mit den verschiedenen Aggregatzuständen von Wasser erklärt, ist nur nett, aber theologisch gesehen Modalismus vom Feinsten - und der wurde von der frühen Kirche als Irrlehre verurteilt. Warum er nun vor Pfingsten und Dreifaltigkeit  in so vielen Gottesdiensten wieder auferstehen darf? Weil sich viele einfach sagen: Ein besseres Modell haben wir nicht, und so richtig verstehen können wir es auch nicht. Also nehmen wir halt das. Außerdem wirkt es und sieht es gut aus, wenn man da vorne mit Eis, Wasser und Dampf hantiert. Das bleibt den Kindern gut in Erinnerung. Was soll's, wenn die Erinnerung leider von einer falschen Wahrheit kündet.

Es wäre gut, wir würden uns auf das besinnen, was wir seit 2000 Jahren als himmlische Schätze in irdischen Gefäßen mit uns tragen: Symbole, Realsymbole, die sich bewährt, aber auch immer wieder die Gläubigen herausgefordert haben. Der Kirchenraum ist voll davon: Altar, Kreuz, Beichtstuhl, Palmzweige, Weihwasser, Taufbecken, Evangelienleuchter, Weihrauch, Kelch, Evangelium, Fahnen, liturgische Gewänder, unsere Gesten, Riten und vieles mehr. Gereift, bewährt in 2000 Jahren - also bitte keine neuen Symbole bevor die alten verbraucht sind!

Ich habe nichts gegen Bäume, aber ich habe großen Respekt vor Lehrern, Katecheten und Predigern, die nicht beim Baum stehen bleiben, sondern den Baum mit dem Kreuz verbinden. Ich habe Respekt vor denen, die sich den ureigensten christlichen Zeichen und Symbolen stellen, anstatt jeden Alltagsgegenstand solange herumzubiegen, bis er gequält und überstrapaziert ein paar christliche Gedanken hervorbringt, die oftmals über einen christlichen Humanismus nicht herausgehen.

Christentum ist zunächst die Beziehung zu Jesus Christus - dann erst zu den Bäumen im Wald. Das Waldsterben ist nicht bedeutungslos und unwichtig, wichtiger und bedeutungsvoller ist für uns aber das Sterben Jesu am Kreuz und die Wandlung des Kreuzes zum Baum des Lebens.

Und wenn uns die Theologie zu schwer wird, dann bleibt der Rat Wittgensteins: Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Und, so fügt der Diakon hinzu:


Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war,
da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab. 
(Weisheit 18,14)

Dienstag, 3. Mai 2011

Glücklich geschieden

Als ich las, was da in großen weißen Buchstaben auf der Rückscheibe stand, wunderte ich mich. Da stand tatsächlich: "2010 geschieden: Arm, aber glücklich!". Ich schaute auf das Kennzeichen. Nun gut, es gibt ja in den regionalen Befindlichkeiten immer wieder auch ein paar Ortschaften, deren Bewohner man bestimmte geistige Attribute zuteilt. In diesem Fall entsprach das Kennzeichen dem Klischee und lieferte somit eine erste Erklärung für diese seltsame Inschrift.

Aber dann wurde ich doch nachdenklicher und gerne hätte ich den Fahrer persönlich gesprochen: Wie meint er das? Ernsthaft? Ist das sozusagen mobile Satire auf seine Lebenssituation? Wenn schon geschieden, dann mache ich halt das Beste daraus und verkaufe die Scheidung als Glücksmoment? Oder ist es die Abrechnung mit der Ex, die zwar die offensichtliche Genugtuung haben darf, ihren Mann in den finanziellen Ruin getrieben zu haben, aber damit leben muss, dass er trotz allem oder sogar gerade deswegen glücklich ist?

Was bringt einen Menschen dazu, so etwas auf sein Auto zu kleben und dann auch noch in Riesenbuchstaben, damit alle Welt es lesen kann? Das ist doch keine Siegesnachricht, so nach dem Motto: Ich habe durchgehalten und am Ende gewonnen, bin jetzt arm, aber glücklich.


Es ist doch eine vielmehr Niederlage, eine sehr bittere noch dazu und das für alle Beteiligten. Vor einigen Monaten erzählte mir jemand von einem Mann, der nach seiner Scheidung feststellte, dass nun sein ganzer Lebensentwurf "gescheitert" sei. Der Erzähler wies das entrüstet zurück: Nein! Mit einer Scheidung ist man doch nicht gescheitert! Da gibt es doch noch so viele Möglichkeiten, ganz neue Freiheiten und bislang unerschlossene Wege zu neuem Glück. Eine Scheidung beendet nur einen Lebensabschnitt, aber keinen Lebensentwurf.


Eine weit verbreitete Meinung. Eine gesellschaftlich inszenierte Selbsttäuschung. Die Scheidungsrate steigt wieder. Und der Trend geht zur sauberen Scheidung, die (angeblich) niemand mehr weh tut: Schatz, wir trennen uns, aber es bleibt fast alles so, wie es war. Ich kenne inzwischen mindestens vier Kinder, die eine Woche bei ihrer Mutter, dann wieder eine Woche beim Vater wohnen. Inklusive neuen Partnern und selbstverständlich verseht jeder sich mit jedem. Zumindest vordergründig. Man ist Papa oder Mama für eine Woche und genau so regelt man das ausgelagerte Familienleben. Kinder mit doppeltem Wohnsitz und doch völlig heimatlos. Denn der schöne Schein funktioniert nicht so recht: Die Kinder merken sehr wohl, dass da was nicht stimmt. Wenn sich doch alle vertragen - warum trennt man sich dann? Und was ihnen am meisten fehlt, ist die ganz alltägliche Banalität. Der Papa ohne Extraprogramm, der einfach nur da ist. Die Mama, die mich nicht nur wochenweise kennt, sondern richtig. Und den Eltern geht es auch nicht besser: Eine Woche Ruhe und leben nach dem neuen Lebensentwurf, dann wieder eine Woche, in der man sich als der bessere Elternteil beweisen muss. Normal ist da nichts, auch wenn man es noch so oft behauptet. 

Und ist es nicht bei genauerem Hinsehen ein Schlag ins persönliche Kontor? Wer auf sein Auto draufschreibt, dass er geschieden, arm, aber glücklich ist, der hat wohl jede Form der Selbstreflexion aufgegeben. Denn zwischen den Zeilen kann man eine solche vordergründige Siegesbotschaft auch anders lesen: Ich habe mich getäuscht, in mir selber und in dem Menschen, dem ich einst mal am Altar die ewige Treue geschworen habe - bis der Tod uns scheidet, in guten und in schlechten Tagen. Mein Partner, meine Partnerin hat es mit mir nicht ausgehalten. Da will jemand nicht mehr mit mir das Bett teilen, ja, noch nicht einmal mehr unter einem Dach wohnen. Da ist für einen Menschen, der mich mal geliebt hat, meine Nähe unerträglich geworden. Da empfindet jemand mein Weggehen  als Befreiung. 

Geschieden, aber glücklich? Nein! ich wäre in so einem Fall geschieden und depressiv! Denn dass jemand mit mir nicht mehr zusammen leben will, das muss ich doch persönlich nehmen, oder etwa nicht? Da ist doch etwas schief gelaufen in unserer Beziehung, dass da plötzlich kein Platz mehr für mich ist, sei es weil ich für den anderen unerträglich geworden bin oder jemand meinen Platz eingenommen hat.

Am Anfang stand dieses bedingungslose Eheversprechen, das bis zum Tod halten soll. Im Namen Gottes und seiner Kirche verbunden. Und am Ende steht da nur noch der Spruch des Richters: Im Namen des Volkes geschieden.

Eine Gesellschaft, die solch ein Scheitern als Normalität und sogar als Sieg verkauft, macht ihre eigene Grundlage zunichte. Nicht nur die Keimzelle des Staates, nämlich die Familie. Auch die damit verbundenen Werte, die in dieser Form nur noch (konservative) Katholiken hochhalten: Treue, den Willen, sich auch in schwierigen Zeiten aneinander zu reiben und miteinander auszukommen, sich immer wieder neu aufeinander zuzubewegen und als Paar gemeinsam auszurichten. Nicht die Flinte ins Korn werfen, sondern auf dem Fundament der ewigen Treue aufbauen: Gerade das lässt einen erst so richtig schön und in gutem Sinne streiten, in dem Bewusstsein, dass der andere nicht gleich die Koffer packt. 

Und die Kinder spüren sehr wohl, dass da etwas schief läuft, denn gerade sie wünschen sich nichts sehnlicher als Stabilität und bedingungslose Annahme. Wie sollen sie das später leben, wenn sie es selber nicht erleben? 

Inzwischen hat jeder Affe im Zoo und jeder Baum im Stadtpark seinen Paten. Wir haben Patenprojekte für alles. Vielleicht sollten wir Katholiken uns als Beziehungspaten zur Verfügung stellen: Familien, die Kinder einladen, Familie zu erleben. Beziehungen, die halten, was man sich einst vor dem Altar versprochen hat. Unser Zuhause ist dann mehr als unser eigenes Heim: es ist auch ein Zuhause für andere, ein Ort der Begegnung und des Lernens.

Mittwoch, 6. April 2011

Kleine Wunder und große Fragen

Manchmal ist Religionsunterricht auch ganz einfach - oder gerade dann auch besonders schwer: Jenseits aller didaktischen, methodischen und medienpädagogischen Erwägungen kann man hin und wieder einfach mal die Schüler Fragen stellen lassen: Fragen zu Gott und der Welt.

Und dann erlebt man so seine Wunder: Die haben viele Fragen: Wo wohnt Gott? Woher kommt Gott? Warum musste Jesus sterben?.... So etwas liegt nicht jedem Lehrer: Spontane Fragen erfordern spontane Antworten und das einzige Medium, die einzige Methode, die man zur Verfügung hat, ist man selber. Aber gerade das wiederum macht den Unterricht dann zu einem lebendigen Glaubenszeugnis.

Eine Frage bewegt mich besonders: Warum gibt es heute keine Wunder mehr? Die Welt wäre doch einfacher, schöner, friedlicher, einfach heil, wenn es heute noch Wunder gäbe: Keine Blinden, Kranken, Frieden überall. Das Paradies auf Erden.

Doch es gibt sie schon noch, diese kleinen und auch die großen Wunder des Alltags: Da ist zum Beispiel dieses Kind, von dem ich vor einigen Wochen erzählte (s. Beitrag Starke Kinder in Not). Noch immer stehe ich mit der Familie in Kontakt. Ihr Leben hat sich vollkommen verändert. Was gestern noch wichtig war, ist heute mehr als zweitrangig. Die Familie ist zusammen gewachsen, hat sich in den letzten Wochen ganz neu gefunden und gegenseitig getragen. Das Leben hat einen ganz neuen Wert.

Und das Wunder: Die Kleine hat den Unfall überlebt. Noch ist sie nicht ganz aufgewacht, aber Tag für Tag geschieht ein kleines Wunder: Kleine Bewegungen, selbständiges Schlucken, kleine Reaktionen. Und alle sind zuversichtlich, dass sie es auch weiter packen wird. Das ist im Kleinen ein großes Wunder, keines, das die Welt bewegt, wohl aber für manche die ganze Welt bedeutet.
Die Mutter hat mich gebeten, allen zu danken, die für die Kleine und ihre Familie gebetet haben und es noch immer tun.

Und was antworte ich meiner Schülerin? Wenn ich ehrlich bin, besteht das größte Wunder darin, dass ich sie überhaupt zweimal in der Woche unterrichten darf. Dass sie den Mut hat, mir Fragen zu stellen, die unter die Haut gehen und mich im Glauben herausfordern. Das ist nicht selbstverständlich. Vielleicht sollte ich ihr genau das sagen?