Freitag, 4. Februar 2011

Listenreich

Lieber Hl. Bischof Gellert!

Als ich gerade 18 wurde, da habe ich mich plötzlich so erwachsen gefühlt: Mir gehört die Welt! Ich kann (fast) alles machen, was, wann und wo ich will. Ich darf und kann alles selber unterschreiben. Mit solch gestärktem Selbstbewusstsein zog ich durch die Straßen. Da begegnete mir ein netter Herr, der mich einfach ansprach und mir ein paar interessante Bücher schenkte. Schon damals war ich bibliophil veranlagt und wenn schon gratis, dann erst recht: Den Erhalt des Buches musste ich allerdings quittieren. Selbstbewusst (denn ich durfte nun selber unterschreiben) setzte ich meine Unterschrift auf die Liste und schon saß ich in der Falle. Das habe ich aber erst später gemerkt, als mir das Abonnement für irgendeinen Unsinn ins Haus flatterte. Selbstbewusstsein und Dummheit gehören manchmal irgendwie zusammen.

Im Studium habe ich einen ähnlichen Fehler gemacht: Immer noch selbstbewusst, nicht mehr ganz so dumm, aber auch anpassungsbereit, denn man wollte ja dazugehören. Also nicht lange hinterfragen, was alle doch für eindeutig klar und sicher hielten. Dieses mal ging es nicht um ein Abo, nein, es ging um Drewermann. Dem wurde von seinem Bischof die Lehrerlaubnis entzogen - und wir haben alle protestiert. Eine Liste wurde herumgereicht und jeder aufrichtige Student hat unterschrieben. Aus Solidarität mit Herrn Drewermann, den keiner von uns kannte. Und dessen Bücher auch keiner von uns gelesen hatte. Aber die Professoren hatten ja unterschrieben und als Student ist man ja auch einer gewissen politischen Protestkultur verpflichtet: Bin Student, bin dagegen! Jahre später hat mir mein Pfarrer übrigens mal ein interessantes Buch geschenkt, das sich kritisch mit der Lehre Drewermanns beschäftigt. Seitdem kann ich nachvollziehen, dass man ihm die Lehrerlaubnis entzogen hat. Allerdings finde ich leider keine Liste, die zu meiner Erkenntnis passen würde. Gäbe es eine, würde ich mich auch eintragen.

Mit Listen ist das so eine Sache. Jetzt haben 144 Theologen und Theologinnen eine Liste mit Unterschriften erstellt. Auf der Liste finden sich die üblichen Namen, u.a. auch solche, die schon zu meiner wilden Studentenzeit die Drewermann-Liste initiierten. So trifft man sich wieder. Die Theologen unterschreiben damit eine Erklärung, die lt. Süddeutscher Zeitung einem Aufstand in der katholischen Kirche gleichkommt. Und was fordern sie? Überraschung: Sie fordern die Abschaffung des Zölibats und weil man schon dabei ist, auch die Priesterweihe für Frauen, Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, Demokratie in der Kirche....das übliche halt. Mal wieder. Und so originell! Darauf hat Rom gewartet: auf die Erklärung der deutschen Theologen. Ist ja nicht mehr ganz neu, denn Erklärungen deutscher Theologen gibt es ja fast in regelmäßigen Abständen. Das nutzt sich ein wenig ab, vor allem wenn es immer um dieselben Themen geht. Der Kritisierte (der Papst) ist das beste Beispiel dafür: Als Heinrich IV. im Investiturstreit auf Konfliktkurs ging, wurde er von Gregor VII. gebannt. Das hatte damals noch echte Wirkung, so dass der Gebannte un seinen Thron bangen musste. Später hatte sich dieses Instrument wegen allzu häufiger Anwendung abgenutzt. So ähnlich ist das mit den Listen: Sie nutzen sich ab.

Aber am meisten stört mich die Hybris und Arroganz dahinter: 144 Theologen glauben, dem Papst im Rom (mit all seinen Theologen) sagen zu müssen, wie dir Kirche sich zu verhalten habe. Wenn ich eines auf dem Gymnasium der Steyler Missionare gelernt habe, dann das: Die deutsche Kirche ist nicht die Weltkirche. Auch wenn wir immer so tun als ob, wir sind nicht der umbilicus ecclesiae, der Nabel der Kirche. Was bei uns als antiquiert, konservativ, traditionalistisch gilt, das ist in anderen Ländern hoch geachtet. Auch der Zölibat. Es sind daher fast immer nur deutsche Listen, die durch die Medien geistern. Wenn eines Tages mal Listen aus allen Ländern dieser Welt kommen, dann müsste man sich in Rom damit beschäftigen. Für eine notwendige Beschäftigung mit zahlreichen Anfragen aus zahlreichen Ländern hat die Kirche übrigens ein eigenes Instrument: ein Konzil. Mit mehr als 144 Theologen. Hätte die Unterzeichner der Erklärung ein Konzil gefordert, auf dem man über Fragen der Zeit berät, könnte ich es ja noch verstehen. Aber wozu bitteschön denn ein Konzil? Braucht man nicht! Man hat doch 144 Unterschriften.

Diese Liste wird gar nichts verändern, weil man in Rom zum Glück nicht deutsch, überhaupt nicht national, sondern global denkt. Man denkt nicht geografisch, sondern theologisch und die Theologie kennt keine Grenzen. 144 Unterschriften sind zu wenig, um gewachsene und bewährte Traditionen und gesicherte Lehren dem Zeitgeist zu opfern. Es ist auch verletzend zu glauben, in Rom würde man sich solcher Fragen nicht annehmen oder sie allzu leichtfertig beantworten, nur weil einem die bisherigen Antworten nicht passen.

Diese Erklärung ist Unsinn, denn sie erklärt und verändert nichts. Sie schadet der Kirche in vielerlei Hinsicht, denn sie ist eine gefundenes Fressen für die Medien, gerade für diejenigen, die der Kirche sowieso negativ gegenüber stehen und mit Genuss die innere Selbstzerfleischung der Kirche publizieren. Und diese Erklärung geht am Eigentlichen vorbei, denn nach allem, was wir mittlerweile aus Studien und Umfragen wissen, haben gerade junge Menschen ganz andere Lebensfragen an die Kirche.

Lieber Bischof Gellert, die Kirche segelt durch stürmische Zeiten. Da können wir deinen Segen gut gebrauchen: Hl. Gellert, hilf! Und wenn es nötig ist, dann suche dir bitte noch ein paar Heilige, die uns unterstützen... mindestens 144....

Kommentare:

  1. wenn du sowas schreibst...
    dann zieh dich mal warm an :)

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  2. Soll man das wiederholte Vorbringen berechtigter Forderungen nur deshalb unterlassen, weil man sie schon so häufig vergeblich vorgebracht hat? Das wäre aber gar nicht im Sinne der Bibel (Lk 18, 1-8)!

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  3. Die interessante Frage, die man aber man gar nicht mehr stellen darf, lautet: Sind sie denn berechtigt? Wenn man darüber streiten würde, wäre es ja in Ordnung. Aber allein die Tatsache, dass hier mal wieder ein gesamter Mix aus allen möglichen Forderungen zusammen gestellt wird, macht in meinen Augen deutlich, dass es nicht um ernstes Suchen nach einem gesamtkirchlichen (!) Weg geht.

    Ich bleibe dabei: Mir ist das ganze zu deutsch, zu einseitig und kleinkarriert gedacht. Und nach meiner Erfahrung aus studentischen Zeiten, wird eben gar nicht hinterfragt, ob die Forderungen "berechtigt" sind: das wird einfach vorausgesetzt. Wer heute tatsächlich die hier mantramäßig erhobenen Forderungen zunächst einmal in Einzelforderungen trennt, wird schon schief angeschaut. Und wenn man dann noch einzelne Forderungen auf ihren theologischen Gehalt hin analysiert und dabei unter Umständen zu einem anderen Ergebnis kommt, hat man gleich verloren. Die Forderung nach einem innerkirchlichen Dialog wird durch solche Erklärungen pervertiert, denn die meisten von denen, die diesen Forderungskatalog unterschrieben haben, wollen erfahrungsgemäß alles, nur nicht darüber reden. Schon gar nicht sachlich und theologisch fundiert. Ich habe mal versucht, einem Kirche-lebt-von-unten-Mitglied die Sakramententheologie bzgl. der Weihe auch nur ansatzweise zu erklären. Ging voll daneben: Der dachte nur in Begriffen wie "Macht", "Herrschaft" und "Unterdrückung". Null Chance auf Dialog.

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  4. *unterschreib*

    nein, keine Liste, sondern diesen Post... :)

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  5. Zum Memorandum der 144 Theologen möchte ich ein paar Erinnerungen aus meiner Studienzeit zum Besten geben: Während der sechs Jahre meines Universitätsstudiums wurde der Heilige Vater fast ausnahmslos als „alter Mann“ bezeichnet, der von Theologie und der deutschen Kirche keine Ahnung habe. Es gab in dieser Zeit kein einziges Dogma, das nicht von irgendeinem Lehrstuhlinhaber infrage gestellt wurde. Im Priesterseminar wurde dem Neuling gesagt, ich solle mich nicht beim Brevierbeten erwischen lassen, das gäbe Ärger. Die ersten Kaplansjahre waren geprägt von permanenten Auseinandersetzungen mit Gemeindemitgliedern und Vorgesetzten über die Themen Interkommunion, Laienpredigt und Priestertum der Frau. Dass ein junger Kaplan, der sich um die zölibatäre Lebensweise bemühte, nur Herablassung erntete, muss wohl nicht eigens erwähnt werden. Hätte ich nicht sehr bald eine Gruppe gleichgesinnter Kleriker getroffen, so wäre ich damals an meiner Kirche irre geworden und wäre heute mit Sicherheit kein Priester mehr.
    Für ihren unverantwortlichen Laissez-faire-Stil in Glaube, Liturgie und Moral wird den Bischöfen nun die Quittung präsentiert, und zwar in Form unverschämter Forderungen, die von Leuten erhoben werden, die eigentlich im Sinne der Kirche lehren und leben müssten. Gleichzeitig verkündet der Heilige Vater in Rom, der Bischof dürfe kein Diener des Zeitgeistes sein. Das ist zwar richtig, aber bei allem Respekt sei die Frage erlaubt, wer denn die Verantwortung für die Bischofsernennungen der letzten Jahrzehnte trägt. Ich zumindest weise jede Verantwortung in dieser Sache von mir.

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  6. merkwürdig, die Herren, die mit Ihnen im Seminar waren, haben ganz andere Erinerungen an Sie...

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  7. Lustig. So ein anonymer Kommentar ist immer Super mutig. Ich wäre gerne bereit, ross und Reiter zu nennen, falls erwünscht :))))))))

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  8. supermutig, so ein anonymer kommentar.
    ich bin gerne bereit, meine obigen aussagen zu belegen, indem ich ross und reiter nenne :))))

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