Freitag, 14. Oktober 2011

Weh getan

Über Jahre hinweg sammelt man so seine Erfahrungen in der Notfallseelsorge und auch wenn es erschreckend klingt: Obwohl jeder Einsatz einzigartig ist, jeder Mensch in Not ein Höchstmaß an individueller Zuwendung und Betreuung verdient, so gibt es doch auch gewisse Routinen. Wenn die Einsatzmeldung kommt, hat man aufgrund seiner Erfahrung eine gewisse Vorstellung, welche Bilder, welche Abläufe einen erwarten. Man kann auch einigermaßen abschätzen, wie lange ein Einsatz dauern wird. Und doch kann man damit völlig daneben liegen. Es gibt auch für erfahrene Notfallseelsorger noch Neues, noch Einsätze, die unter die Haut gehen und lange nachwirken. 

Vor kurzem musste ich das auf drastische Weise erleben. Zunächst klang es nach einer Routinemeldung: Reanimation, wahrscheinlich mit negativem Ausgang, also häuslicher Todesfall. Doch vor Ort sah das dann so aus: Mutter mit zwei Kindern. Die beiden Kinder haben gefrühstückt, nun wird es Zeit, sich für den Kindergarten fertig zu machen. Beim Haarekämmen sackt die Mutter ganz plötzlich in sich zusammen und bewegt sich nicht mehr. Es wird eine Weile gedauert haben, bis die Kinder realisierten, dass es sich hier nicht um einen Spaß, ein Spiel, auch nicht um einen plötzlichen Anfall von Müdigkeit handelt: Mama wacht einfach nicht auf, Mama braucht Hilfe - wir brauchen Hilfe. Die ältere der beiden Schwestern vollbringt mit ihren knapp fünf Jahren eine außergewöhnliche Leistung: Sie sucht das Telefon und findet aus einen Berg von Zetteln auf dem Tisch genau den mit der Telefonnummer der Großeltern. Mein Sohn ist im gleichen Alter und ich bin sicher, dass er das nicht könnte.

Wie viel Zeit ist bis zu diesem Anruf bereits vergangen? Die Großeltern kommen in die Wohnung und alarmieren den Notarzt. Doch am Ende ist jeder Einsatz vergeblich.

Als ich an den Einsatzort komme, sind die Kinder bei Nachbarn. Diese haben eine kleine Boutique und werden an diesem Vormittag zu Helden: Sie lassen die Kinder mit den Schuhen und Kleidern, die eigentlich zum Verkauf gedacht sind, Modeschau spielen. Sie gehen mit ihnen auf den Spielplatz, kochen für sie, sind einfach für sie da. Und ihr Hund auch.

Die Mutter war jung, sie war sportlich, dynamisch, alles, was uns die gängige Werbung als gesund und vital suggeriert. Ihr Tod kam völlig unerwartet. Die Großmutter kann den Tod überhaupt nicht fassen, erst als die Einsatzkräfte das Haus verlassen, findet sie langsam wieder Ruhe. Sie setzt sich neben ihre Tochter und hält ihre Hand. So hat sie das früher auch gemacht, als die Tochter noch klein war, als sie krank war, Angst hatte oder sich einsam fühlte. Es ist ihr letzter Dienst als Mutter an ihrer Tochter, ein stiller, zärtlicher Dienst mit der Botschaft, dass sie ihr Kind auch im Tod nicht allein lassen wird.

Wir warten auf den Vater. Er braucht zwei bis drei Stunden und diese Stunden sind voller Gespräche. Die verstorbene Mutter wird in den Worten noch einmal lebendig: Sie erhält einen Namen, ihr Leben wird noch einmal greifbar. Und immer wieder pendele ich zwischen diesen beiden Welten: Hier das Haus der Trauer, dort das Haus kindlicher Freude. Die Kleinen stellen den Laden auf den Kopf, sie fühlen sich dort wohl, auch wenn zumindest die größere der beiden eine leise Ahnung hat, dass irgendwas nicht stimmt: "Mama ist entweder im Krankenhaus oder tot", sagt sie irgendwann ganz sachlich zu uns. 

Als der Vater endlich kommt, braucht auch er seine Zeit, den Tod seiner Frau im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Wir nehmen uns diese Zeit, es gibt keinen Grund zur Eile. Schließlich kommt der Moment des Abschieds, als die Mutter von Bestatter abgeholt wird. Stunden sind inzwischen vergangen und für den Notfallseelsorger kommt nun was ganz Neues: Die Kinder müssen zurück ins Elternhaus. Ich bereite den Vater vor, suche mit ihm einen Weg, wie er in dieser Situation seinen Kindern begegnen kann. Wir suchen die Trittsteine, die Halt geben, den Pfad im Dunkeln.

Also gehe ich zu den Kleinen und breche das fröhliche Spielen ab. Ich mache mich klein vor ihnen und sage ihnen, dass wir nun nachhause gehen. Ich versuche, das Geschehene zu erklären, aber mit welchen Worten sagt man zwei Kindergartenkinder, dass ihre Mutter tot ist? Das allerwichtigste sage ich zuerst und immer wieder: Der Großen, dass sie alles richtig gemacht hat, dass sie prima reagiert hat. Und dann: Euer Papa ist da, eure Großeltern, die Mama nicht.

Die Nachbarin begleitet mich. Sie nimmt die Große, ich die Kleine an der Hand und so gehen wir über die Straße. Jeder, der uns sieht, weiß, dass das kein leichter Gang. Auch wenn die Kinder fröhlich hüpfen und lachen. Doch ich weiß: Auf der anderen Seite wartet ein Zuhause, dass nicht mehr so ist, wie es war. Es ist keine Rückkehr in die heile kindliche Welt, denn es fehlt die entscheidende Person. Eine Mutter ist unersetzlich. 

Normalerweise spenden Notfallseelsorger Trost und versuchen sie, eine gute Struktur zu finden, die die Betroffenen möglichst schnell und umfassend in ihr soziales Netzt einbindet. Aber bei diesem Einsatz war das zumindest für die Kinder vordergründig anders: Der Notfallseelsorger führt die Kinder in die unheilvolle Situation hinein. Natürlich: Die Situation war vorbereitet, so gut es ging. Und der Weg war der richtige. Dennoch bleibt das Erlebte hängen. Kindlich gesprochen: Manchmal tut Notfallseelsorge auch weh. 

Ungefähr zwei Wochen später komme ich nachhause und finde einen Zettel auf meinem Tisch. Irgendwie hat die Großmutter über die ortsansässige Kirchengemeinde meine Telefonnummer erhalten und sich bei meiner Frau herzlich für meinen Einsatz bedankt. Das kommt selten vor, ist aber eine schöne und sicherlich wohltuende Rückmeldung.

Kinder haben ihre ganz eigene Weise, mit dem Tod umzugehen. Auf uns Erwachsene wirkt das manchmal unbedarft. Und dennoch: Die Schlag geht tief und gräbt sich wie bei einem Baum tief in den Stamm. Die Jahresringe werden für immer von dieser Katastrophe erzählen. Dem Glaubenden verheißt der Baum des Kreuzes Hoffnung und Auferstehung, trotz aller Wunden im Inneren. 


Am Ende kann man daher die Familie, insbesondere die Kinder nur noch nach oben in Richtung Himmel abgeben. Und eindringlich beten: St. Gellert hilf!






Kommentare:

  1. Danke! Danke für diesen ergreifenden Bericht.

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  2. Das hat mich bewegt. Gottes Segen für Deinen Dienst.

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  3. Wirklich sehr ergreifend... ich bete! Für alle - und auch für Sie!
    Danke!

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